Die Besucher an diesem Nachmittag wedelten mit der Ausgabe des ND vom voraufgegangenen Wochenende. Mein Kollege Siegfried Grün und ich hatten darin einen Artikel veröffentlicht unter dem Titel "Es wird Zeit, den Holzhammer beiseite zu legen". Denn obwohl alle angekündigten Preiserhöhungen am 11. Juni zurückgenommen worden waren, an der zehnprozentigen Normerhöhung wollte man festhalten. Vorschläge von Seiten der Bauarbeiter für eine bessere Arbeitsorganisation, für eine Erleichterung der Arbeit durch ein paar primitive Hexen, die die Hucker hätten entlasten können, wurden vom Tisch gewischt. Es kam schon vor dem 17. Juni zu Streiks einzelner Brigaden. Und wenn die Bauleiter nicht weiter wussten, weil die Arbeiter sich in den Baubuden verschanzten, riefen sie auch mal nach mir. Ich war jung, eine halbe Portion, mich verprügelte keiner. So bekam ich Einlass in die Baubuden und erfuhr so manches über erzwungene und gelinkte Normerhöhungen und über die Drohungen der Funktionäre, dass man in den Brigaden, die sich gegen Normerhöhungen wehrten, die Rias-Agenten schon ausheben werde.

Als ich unserem Chefredakteur Rudolf Herrnstadt von der brisanten Situation in der Stalinallee berichtete, gab er uns sofort grünes Licht für unseren Artikel. Wir legten los, immer in der Hoffnung, damit einen vernünftigen Dialog zwischen Arbeitern und Funktionären anregen zu können.

Nun standen die beiden Bauarbeiter vor mir. "Du bist richtig", sagte einer, "jetzt komm mit, wir sind schon auf der Straße.“

Ich muss in diesem Augenblick selten dämlich ausgesehen haben. Alle meine Hoffnungen auf eine friedliche Lösung, das begriff ich sehr schnell, konnte ich unter Ulk abbuchen. Es war zu spät. Durch den Artikel wurde das Feuer eher angefacht. Was blieb mir übrig? Ich ging mit auf die Straße, lief einem Dackel ähnlich neben den Demonstranten her, immer noch von der blödsinnigen Vorstellung beherrscht, die Bauarbeiter zur Umkehr bewegen zu können. Heute weiß ich, dass ich damals eher die Rolle eines Don Quichote übernommen hatte. In der Leipziger Straße riefen die Bauarbeiter nach Walter Ulbricht. Minister Fritz Selbmann kam heraus, aber den wollte keiner sehen. Wutentbrannt gingen die Bauarbeiter auseinander, nicht ohne mir vorher gönnerhaft auf die Schulter zu klopfen und zu versichern: "Morgen geht es weiter.“

Wenig später erzählte ich in der Redaktion von dieser Drohung. Wieder klopfte man mir gönnerhaft auf die Schulter, diesmal weil mir niemand glaubte; doch meine Sorge verflüchtigte sich nicht. Am nächsten Morgen war ich um sieben auf der Baustelle. Keiner arbeitete, alle waren schon unterwegs. Unter den Linden sah ich die Bauarbeiter wieder, vor den Panzern der sowjetischen Armee, auf denen junge Soldaten saßen, die hilf- und verständnislos in die aufgebrachte Menge starrten.

Die Berliner Bezirksleitung der SED, die in unserem Artikel nicht gerade mit Honig begossen worden war, behauptete umgehend, dass "dieses Machwerk" die Ereignisse des 17. Juni ausgelöst habe. In den Wochen nach dem Arbeiteraufstand trat schließlich zutage, dass im Politbüro der SED ein Machtkampf gegen Walter Ulbricht geführt worden war, den Rudolf Herrnstadt und mit ihm eine knappe Hälfte dieses Gremiums verloren hatten. Damit war auch der Schuldige für unseren Artikel gefunden. Rudolf Herrnstadt wurde als Intrigant abgestempelt, als Auslöser des 17. Juni belastet, aller seiner Ämter enthoben und in das Staatsarchiv nach Merseburg abgeschoben. Mein Kollege und ich kamen als "missbrauchte Werkzeuge Herrnstadts" unter dem Regen davon. Wohl fühlten wir uns dabei nicht, hatten aber zuviel Achtung vor den alten Genossen, die erst wenige Jahre zuvor aus Konzentrationslagern und Zuchthäusern zurückgekommen waren. Sie nahmen uns nun zur Brust, um uns auf den "richtigen Weg" zu bringen. Gelernt haben wir auch später nichts. Der Holzhammer wurde nie beiseite gelegt. Und so haben wir weiter fleißig an dem Ast gesägt, auf dem wir saßen.