Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Renate Schönfuß, Radeberg (Leserin mit Pflegeerfahrung)

Zum Pflegeteil:

Eigentlich kann man über diese Problematik nur mit Personen sprechen, die ähnliches erlebt und durchlebt haben. Ich fand mich selbst in Ihren Beschreibungen wieder - man liebt den Elternteil über alles, wird aber zwischen zum Teil fast übermenschlicher liebevoller Pflichterfüllung und dem eigenen Lebensanspruch hin und her gerissen, zum Teil empfindet man den geliebten Kranken auch als selbstsüchtige Last.Die Krankheit verändert ja sein Wesen total, aus der einst fürsorglichen Mutter wird ein Ich-bezogener, nur noch in sich selbst versenkter Mensch - man kommt unweigerlich in einen Gewissenskonflikt.

Aber den durchlebt natürlich nur derjenige, der sich um seine Liebsten kümmert und sorgt und sich verantwortlich fühlt. Derjenige, der seine Eltern bei ersten Anzeichen von Schwierigkeiten stracks irgendwo abgeliefert und sich auch weiterhin überhaupt nicht verantwortlich gefühlt hat oder gleich in der Ferne abtauchte, wird sich natürlich auch im Nachhinein nicht mit Vorwürfen quälen. Eine seelische Qual bedeutet ja das Erleben eines seelischen Schmerzes, wer also kein Gewissen hat oder nicht liebesfähig ist, erfährt keinen seelischen Schmerz und damit auch keine Qual. Vielleicht lebt man damit ruhiger, aber auch glücklicher? Ich erlebte das in der eigenen Familie und musste feststellen, dass dieser Menschenschlag ohne die geringsten Skrupel lebt und keinerlei Schuldgefühle kannte, ja - nicht einmal darüber nachdachte.Tja, was übrig bleibt, egal wie viel Liebe, Sorge und Pflege man gegeben hat, ist letztendlich das Gefühl, vielleicht doch noch zu wenig getan zu haben. Auch die Reaktionen in absoluten Stress-Situationen, der genervte „Anschnauzer“, weil man langsam selbst nicht mehr kann, beschäftigt sensible Naturen jahrelang, aber ich denke, das sind ganz natürliche Verarbeitungsvorgänge unserer eigenen Psyche. Solche Erlebnisse irgendwann sogar als Teil der Abnabelung, auch des Selbstschutzes, zu verstehen und zu akzeptieren, braucht sehr lange. Außenstehenden spreche ich persönlich jegliches Recht ab, zu beurteilen, was bei solchen Verarbeitungsprozessen, die ein Betroffener durchläuft, normal oder unnormal sein könnte. Bräuchten nicht eigentlich viel eher die Gefühlskalten, die Herzlosen, medizinische Hilfe? Vielleicht wäre das Implantieren eines warmen, mitfühlenden Herzens eine Möglichkeit dazu, oder die Infizierung mit einem Virus Sorgedichumdeinennächsteninliebe?

Zum Historienteil:

Mit großem Interesse habe ich natürlich auch Ihre gesamte Familiensaga mit all ihren Facettenreichtum in mich aufgenommen – sehr, sehr interessant. Da ich selbst aus einer Familie komme, die jegliche Diktatur und geforderte Glaubensbekenntnisse, ob religiöser Art oder gesellschaftlicher, ablehnte, war es für mich ein ganz neuer Einblick in eine Welt von Parteigehorsam und Obrigkeitsunterwerfung. Sie selbst haben ja zu einigen Ihrer Familienangehörigen und ihren Handlungen auch ein gespaltenes Verhältnis entwickelt und Sie stellen, mit Recht, manches in Frage. Das hat mich sehr beeindruckt, denn Sie wurden anders erzogen, was einen Menschen sehr prägt.

Diese gesamte von Ihnen recherchierte Zeit der Stalin-Ära mit ihren Verhaftungs- und Vernichtungswellen der nach Moskau geflüchteten und sich dort sicher wähnenden Kommunisten – welch ein Irrsinn. Und nun stelle ich mir vor, mitten in diesem offensichtlichen Wahnsinn intelligente Menschen wie ein Teil ihrer Familie, die nach dem Erleben und Überleben, vor Ort in Moskau, der Grundidee weiter anhängen und auch dienen, die das alles möglich machte. Ich kann mir so etwas einfach nicht vorstellen. Ich behaupte, wenn jemand auch nur halbwegs intelligent ist und diesen Pakt mit dem „Bösen“ in irgendeiner Form eingeht, dann geschieht es auch wissentlich. Alle anderen Behauptungen sind zumeist eine Selbstlüge, um später das eigene Gewissen zu beschwichtigen. Nur die Beweggründe für die Handlungen eines Obrigkeits-oder Parteigehorsams sind unterschiedlich, ob es nun um Karrieredenken geht, Bequemlichkeit, Feigheit, Vorteilsnahme, Wichtigtuerei oder die Möglichkeiten, Machtgelüste auszuleben – die Skala ist bei weitem noch breiter.

Es gibt für mich auch keine „geteilte Intelligenz“ – ein wirklich geistvoller Mensch durchschaut Machtapparate, Parteiapparate mit ihren Direktiven. Damals wie heute. Wenn er sich vereinnahmen lässt, tut er das auch wissentlich und es kommt die o.g. Aufzählung der Beweggründe zum Tragen. Und wer Anweisungen blind gehorchend ausführt, ohne selbst nachzudenken, dem geht eine große Portion Menschsein und Menschlichkeit verloren.

Sie merkenschon, liebe Frau Stern, Ihr Buch hat mich sogar sehr beschäftigt. Habe über diese Thematik mehr als nachgedacht – Menschen sindschoneine einmalige Spezies. Entschuldigen Sie meine Offenheit und meine sicherlich brüsk wirkende Darlegung meiner Überzeugungen, aber ich denke, Sie sehen vieles ebenso...