Zeitgeschichte wird erlebbar

Prof. Jürgen Werner, Berlin (Freund der Familie)

Es ist Dir überzeugend gelungen, zugleich aus sehr persönlicher Betroffenheit heraus und dabei mit bemerkenswerter historisch-politischer Objektivität zuerzählen, und zwar höchst spannend. Du zeigst so einmal mehr, dass das Politische auch immer privat ist und dass das Private sehr wohl eine politische Dimension hat. Du machst am Werdegang von Mitgliedern Deiner Familie Zeitgeschichte erlebbar.

Eindrucksvoll ist, wie sorgfältig Du recherchiert hast und wie verständnis- bis liebevoll und zugleich schonungslos Dein Blick auf die Personen (einschließlich Deiner eigenen) ist. Es fällt schwer, dieses Buch in eine der Schubladen „Biographie/Sachbuch“ oder „Belletristik“ zu stecken. – Wie schön!

Interessant oft auch Einzelheiten: So wusste ich nicht, dass der Text von „Brüder zur Sonne...“ von Hermann Scherchen stammt, der mir nur als Dirigent ein Begriff war (er hat wohl auch in der DDR als Gast dirigiert). Reizend mitzukriegen, wie die kleine Tanja, die „nicht beten, aber russisch“ kann, Moskauer zum Tanzen bringt. Von dem Lubjanka-Witz kannte ich bisher nur eine deutsche Version. Grandios die Begegnung der Wandlitzer Damen! Wichtig: Hinweise auf sprachliche Eigentümlichkeiten wie den Euphemismus „physische Einwirkungen“ für die Folter. Ein sachlicher Einwand: Staatssekretäre im Politbüro gab es nicht. Joachim Herrmann war offenbar die rechte Hand eines Politbüromitglieds, hatte also etwa die Funktion, die ein Staatssekretär im Kabinett hatte; eine solche staatliche Funktion als Staatssekretär hatte Herrmann übrigens auch einmal, s. „Wer ist wer in der DDR?“

Eine wichtige Bereicherung sind die zahlreichen, durchweg aussagekräftigen, gut im Text platzierten Fotos. Sehr nützlich auch die Stammbäume samt Kosenamen. Wertvoll wäre bei einer wünschenswerten Neuauflage ein Register. Denn gleichgültig, ob man das Buch hintereinander weg liest, Kapitel um Kapitel, oder in anderer Reihenfolge, was auch seine Reize hat, man stößt zum Beispiel irgendwo auf den Namen von Heinz Renner, der ab 1949 u. a. im Bundestag eine Rolle spielte; man erinnert sich, bei Dir schon einmal dem Namen begegnet zu sein, aber wo? Wehner erwähnst Du in einem Atemzug mit Pieck und Ulbricht. Über ihr Verhältnis vor und nach 1945 wüsste man gern mehr, aber das ist ja nicht das Thema Deines Buches. Interessant war mir auch die Erwähnung von Noel H. Field, von dem im Zusammenhang mit den politischen Säuberungen in ČSSR (Slánský) usw. in den DDR-Medien ständig die Rede war.