Lachen und Weinen - weitere Lesermeinungen

Wer hat noch die Kraft, solche Bücher zu lesen?

Regina Stolz, Berlin (ehemalige Kollegin):

Obwohl ich wusste, dass du deine Mutti begleitet hast, hat es mich doch beim Lesen tief erschüttert. Vielleicht liegt es ja auch daran, weil ich dich persönlich kenne. Insbesondere war ich sehr erstaunt, wie oberflächlich Ärzte und Pflegeheime sind, die Angehörigen von Demenzkranken einfach so hängen zu lassen. Da kann man nur hoffen, dass dein Buch ein Stück dazu beiträgt, solche Mißstände zu ändern und anderen zu helfen, sich frühzeitig an die richtigen Stellen zu wenden. Besser wäre vielleicht gewesen, diese Geschichte als ein separates kleines Taschenbuch herauszubringen ...

Ich versuche mir vorzustellen, wie die Reaktion von alten Menschen am Fast-Ende ihres Lebens (sprich die Damen und Herren im Seniorenklub) sein wird, wenn du solche Erlebnisse vorliest... Haben alte Menschen, die den Krieg etc. erlebt haben und nun versuchen, einen ruhigen Lebensabend zu verleben, tatsächlich noch die Kraft, solche Bücher zu lesen? Der eine oder andere wird sich gern erinnern an die Zeiten, die er selbst miterlebt hat. Du wohnst ja in einem Stadtviertel, in dem noch viele alte (oder ehemalige) Genossen leben. Inzwischen sind die meisten davon aber über 70 und älter. Ich weiß nicht, ob das gut und sinnvoll ist.

 

Ich musste lachen und weinen


Gerd Schaer, Düsseldorf (Verwandter und einer der Akteure des Buches):

Ich habe gestern alle Kapitel von Käthe gelesen, von "Muttikacke", und musste sowohl lachen (das ist deinem Schreibstil zuzuordnen) als auch weinen, weil ich den Verlauf der Krankheit so nicht mitbekommen habe. Deine Ehrlichkeit beim Erzählen ist manchmal erschreckend, aber für mich zu 100 % nachzuvollziehen.Natürlich liegt dann die Frage auf der Hand, wie man selbst mal enden wird, das Alter steht ja schon vor der Tür. Ich werde heute gleich mehr Sport machen und mir einbilden, damit die Entwicklung zu beeinflussen, wohlwissend ,dass das leider nicht geht, ist aber auch nicht wirklich verkehrt.

 

Eine Wand im Karl-Liebknecht-Haus


Roland Urban, Berlin (Lehrer und Familienforscher):

Eine Lektüre, wie man sie sich wünscht, die einen hineinzieht, in fremdes, aber auch in das eigene Leben. Ich stelle mir vor, wie Sie nun einer Flut von Meinungen und Kommentaren ausgesetzt sind. Von mir zu Ihrem Buch nur das: An einer Wand in einem Raum im Karl-Liebknecht-Haus war einmal der gesamte KPD-Apparat aufgemalt, und zwar so weit, dass auch der Bezirkssekretär des KJVD im Saarland, Erich Honecker, auf diese Wand kam. Und da standen sie alle, Remmele, Flieg, Eberlein, Leow, Kippenberger usw. usw. Ich sah das 1982 als Student, der im IML für seine Diplomarbeit recherchierte. Diese Schicksale und die offizielle Verleugnung dieser Schicksale haben mich immer sehr beschäftigt. Von denen da an der Wand sind mehr in der UdSSR umgekommen als im faschistischen Deutschland.

 

Weit mehr als die erwartete Beichte

Hans Scherner, Berlin (früherer Kommilitone der Schwester)

Du warst den politisch gemeinten Weg Deiner Vorfahren ausdrücklich nicht mitgegangen. Und dennoch, oder gerade deshalb: so, wie sie es selbst nicht vermocht hätten über sich nachzudenken, lässt Du ihrem Streben in Deinem Familienbuch historische Anerkennung zuteil werden. Das ist nach meiner Lesart etwas Besonderes! So, wie Du das Leben Deiner Eltern und Großeltern erklärst, so sehr erklärst Du Dich dabei selbst: in Deinen Hoffnungen, in Deinem Zweifeln, in Deiner Gestaltungskraft gegenüber dem Gegenstand. Von Seite zu Seite hatte ich das Gefühl bei dem Buch, dass Du mit Deiner selbstverlegerischen Tat volles Risiko eingehst. So gehen Deine Familienmemoiren über eine sonst zu erwartende Beichte weit hinaus. Dazu bestimmt auch die Pflegeteile im Buch. Das beansprucht. Das tut weh. Aber einfacher ist das Auflösen der Dir und mir hinterlassenen geschichtlichen Rätsel nicht zu haben. Danke!

 

Parallelen zur Nazi-Ideologie


Maria von Finckenstein, Ottawa (Bekannte)

Die Parallele zu Hitler und dem Nationalsozialismus als Religion ist verblüffend. Zum ersten Mal verstehe ich, daß mein Vater (der überzeugter Nationalsozialist war, T.St.) immer wieder sagte: "Man kann wieder glauben." Sobald man diese Ideologie wirklich als Religion versteht wird vieles verständlich was mir bisher ein Rätsel war.

Ich finde Ihr Buch ist wunderbar geschrieben und gestaltet, und ich nehme lebhaften Anteil an dem Schicksal Ihrer Verwandten und am tragischen Ende Ihrer Mutter.

 

Was ist aus unserem Glauben an den Sozialismus geworden?


Nicholas Jacobs, London (Verleger und Übersetzer)

I admire you greatly. Your book is wonderful. The closing pages remind me of 'Candide'. Du sagst es mit anderen Worten und mehr Einzelheiten, aber es kommt auf dasselbe hinaus.

Ich frage mich manchmal was aus unserem Glauben an den Sozialismus geworden ist. Werden wir mehr religiös? Steigern den Kirchenbesuch? Ich war immer pessimistisch, was die Möglichkeiten betrifft. Ich kam aus der besitzenden Klasse und wußte, daß sie nicht ohne einen bitteren Kampf aufgeben würde. Also war Sozialismus für mich immer eine Richtung, nicht ein Ziel. Und über die SU hatte ich keine Illusionen. Ich las schon sehr früh (etwa 1955) das bekannte Buch, 'I Chose Freedom' von Viktor Kravchenko und war auf einem Schulbesuch in Moskau in August 1956, wo wir Angebote für unsere Kleidung bekamen. Also bin ich 1964 trotz der SU, nicht wegen, in die kommunistische Partei eingetreten.

 

Das Beste, was du je geschrieben hast


Dieter Scholz, Berlin (ehemaliger Kollege)

Eben habe ich Deine Familiengeschichten zu Ende gelesen. Da Du darin eine Zeit beschreibst, die ich aus eigener Erfahrung auch kenne, war ich natürlich sehr interessiert.

Glückwunsch! Ich denke das ist das Beste,was Du bisher geschrieben hast.

Ähnlich verliefen viele Lebensläufe im beschriebenen Zeitraum.

Stark fand ich die Beschreibung des Bombenangriffs auf Dresden. Als Sechsjähriger erlebte ich so etwas in Breslau.

Auch der Versuch des psychologischen Einfühlens in beschriebene Personen finde ich gelungen .Besonders in "Drei Frauen und ein Happy End" und wenn Du über Mutti schreibst. Vergewaltigt haben übrigens nicht nur russische Horden.

Jedoch alles in allem ein gelungenes historisch schlüssiges Werk.Man merkt,dass es Dir ein Herzensbedürfnis war es zu vollenden.Vor allem um die Last von Dir zu nehmen,die Dich wegen der Verantwortung um Deine Mutter bedrückte.