Deine Krankengeschichte, nicht die deiner Mutter!

Prof. Jürgen Albrecht, Berlin (Nachbar)

Zwei Bücher

Ich halte es für gar keine gute Idee, zwei völlig verschiedene Themen in einem Buch zu verquirlen. Es ergeben sich im Buch keine Bezüge zu den beiden Themen und es ist ein sehr angestrengter Vergleich, das Schicksal Deiner Mutter mit dem des Kommunismus zu verbinden. Beide Bücher für sich sind sehr interessant, aber ihre Themen haben nichts miteinander zu tun. Sofort würde ich alles was den Pflegefall betrifft, bei einer zweiten Auflage aus dem Buch herausnehmen. Das zeitgeschichtliche Buch interessiert die Öffentlichkeit, Deine Krankengeschichte interessiert nur ein ganz spezielles Publikum...

Nachbarn

Was mich so mitnimmt ist, dass ich vom Schicksal Deiner Mutter überhaupt nichts mitbekommen habe. Dein Bericht hat mich aufgewühlt, zu Tränen ergriffen. Es gibt so viele Parallelen zu unserem behinderten Sohn Peter, der vor ein paar Monaten 50 geworden ist...

Schuldgefühle

Dein Bericht liest sich wie eine Krankengeschichte. DEINE Krankengeschichte! Nicht die Deiner Mutter! Du hast Dir da ein handfestes Trauma eingehandelt, das Du bis jetzt nicht verarbeitet und überwunden hast. Das zeigen exemplarisch die letzten Sätze auf Seite 396, wo Du Dich genüsslich immer tiefer in Deinen Weltschmerz eingräbst ...

Trauma-Bewältigung

Du weisst, dass Du durch die Betreuung Deiner Mutter einen Schaden abbekommen hast. Das Trauma aufzuschreiben, ist sehr nützlich. Auf diese Weise wird man sich seiner Situation viel eher bewusst, als wenn man auf der Couch eines Psychologen liegt. Aber Du bist nicht über den Berg – siehe beispielsweise Seite 396. Ich kann Dir nicht raten, was Du tun sollst, aber ich wollte Dich darauf aufmerksam machen, wie gefährlich es ist, so einen gewaltigen Berg nicht abzutragen oder zu umschiffen ...

Nichts ist wirklich wichtig

Spät am Abend ist der Sand am Strand des Ningaloo Reef noch warm. Legt man sich hin, aus dem warmen Sand ein Kissen unter den Kopf, sieht man über sich am knackig dunklen Himmel die Milchstrasse. Die Brandung rauscht, ein leichter, angenehm kühler Wind weht. Die vielen Satelliten, die über den Himmel ziehen, passen nicht zur Milchstrasse. Genauso wenig wie die Striche, die Flugzeuge an den Himmel zeichnen. Würde man hier liegen bleiben, könnte man am Sternenhimmel erkennen, dass er sich mit den Jahreszeiten ändert. Bald schon werden die Satelliten und die Kondensstreifen verschwunden sein. Sonst aber verändert sich hier nichts, im menschenleeren West-Australien. Nichts in 1.000 Jahren, kaum etwas in 500.000 Jahren. Tanja, Ela, Maxi, Al und Katja sind nur so kurz auf dieser Erde und wir bewirken nichts in dieser Zeit. Nichts, das Spuren in der Natur hinterlässt. Was bewirken Deine Schuldgefühle? Die Natur interessiert sich nicht für Schuldgefühle und auch nicht für Individuen. Schon wenn Du im Jahr 2012 auf dem Strand liegst und in die Sterne guckst, ist im Universum nichts von Deinen Schuldgefühlen zu sehen...

Sorry ... die letzten Sätze helfen Dir vielleicht nicht. Aber mir.