Amalie Dietrich in Australien

Mit tückischem Blick auf Mörderjagd: Amalie DietrichMit tückischem Blick auf Mörderjagd: Amalie DietrichSie war eine der ersten weiblichen Naturforscher in Übersee und eine Ikone der Emanzipation. Doch in jüngerer Zeit wurden schwere Vorwürfe gegen Amalie Dietrich erhoben.

Am 06.03.2011 konnte man in der ZDF-Sendereihe „Terra X“ einen Bericht namens „Mordakte Museum“ bewundern. Es ging um Grabräubereien im Dienste der Wissenschaft, also um Forscher, die im 19. Jahrhundert in unbekannte Gebiete Australiens oder Lateinamerikas vordrangen und dabei nicht nur Blümchen und Schmetterlinge, sondern auch Schädel und Skelette von Eingeborenen sammelten. Dabei wird an exponierter Stelle der Name Amalie Dietrich erwähnt: Sie soll sich in Australien der Grabräuberei, wenn nicht gar des Mordes schuldig gemacht haben. In den Spielszenen des modisch-reißerisch aufgemachten „Doku-Dramas“ sieht man eine überraschend attraktive Amalie Dietrich, die mit tückischem Blick die heiligen Grabstätten der Aborigines umschleicht, um für ihren skrupellosen Auftraggeber menschliche Knochen zu erjagen. In einem Fall will sie sogar einen wackeren Siedler zum Mord anstiften, doch der jagt sie mit Schimpf und Schande vom Hof.

Nun sind die Vorwürfe gegen Amalie Dietrich zwar eigentlich schon seit Jahr und Tag bekannt (etwa aus dem 2004 erschienenen Buch „Pflanzenjäger“ von Renate Hücking); doch durch den Terra-X-Beitrag nahm wohl erstmals ein breiteres Publikum davon Kenntnis. Mich erreichten unsichere Anfragen, ob man jetzt die Amalie-Dietrich-Straßen Deutschlands umbenennen müsse. Deshalb hier ein kurzes Statement von meiner Seite.

Zum Sachverhalt selbst kann ich wenig sagen, da ich seinerzeit bei meinen Recherchen zum Leben der Amalie Dietrich den Australien-Teil völlig ausgeblendet hatte und mich ganz auf die Mutter-Tochter-Beziehung, also auf die Zeit in Siebenlehn bzw. Hamburg konzentrierte. Immerhin glaube ich ein klares Bild von der Person Amalie Dietrichs gewonnen zu haben; und in menschlicher Hinsicht ist sie wirklich schwer zu verteidigen. Zweifellos war sie eine harte Frau. Mit Sensibilität und Mitleid hatte sie nicht viel am Hut, und schon gar nicht war sie in geistig-philosophischer Hinsicht imstande, über den Tellerrand ihrer Zeit zu blicken. Es erscheint glaubhaft, sogar wahrscheinlich, dass sie sich auf illegalen Wegen Skelette von Aborigines beschaffte, vielleicht auch Grabstätten plünderte. Ich weiß aber nicht, ob man sie deswegen verurteilen kann - ob man überhaupt einen Menschen, der im 19. Jahrhundert lebte, nach den Maßstäben unserer politischen Korrektheit richten kann.

Wir sprechen hier von der allerersten Blütezeit der Anthropologie. Mit den Entdeckungen Darwins hatten sich den Wissenschaftlern ungeahnte Wege der Forschung eröffnet, die einher gingen mit den Entdeckungen der letzten weißen Flecken auf der Landkarte der Erde. Ja, sie waren scharf auf Schädel und Skelette von Eingeborenen. Ja, sie haben die Sammler angewiesen, so viele wie möglich davon zu liefern, und sie haben wenig danach gefragt, wie diese Lieferung zustande kam. Amalie Dietrich, Autodidaktin und Praktikerin, war nicht die Frau, die das hätte hinterfragen können. Sie hat bewundernd zur hohen Welt der Wissenschaft emporgeblickt, und sie hat alles getan, um die Forderungen ihres Auftraggebers so gewissenhaft wie irgend möglich zu erfüllen, auch weil sie eine Frau war und beweisen wollte, dass sie den männlichen Forschern nicht nachstand. Der wissenschaftliche Hintergrund des Auftrags, Gebeine von Eingeborenen zu sammeln, war ihr vermutlich gar nicht bekannt – etwa die Theorie vom „missing link“ zwischen Tier- und Menschenwelt, das man glaubte, in den Eingeborenen Australiens oder Südamerikas gefunden zu haben. Und selbst wenn sie davon gewusst hätte, wäre es wohl zuviel verlangt, eine kritische Haltung von ihr zu verlangen.

Dagegen wurde sie tagtäglich mit der Tatsache konfrontiert, dass das Leben eines Aborigenes unter den australischen Siedlern nichts wert war. Wie es heißt, wurden damals regelrechte Treibjagden auf die Eingeborenen veranstaltet. Doch dass sich Amalie selbst am Töten beteiligt oder andere dazu angestiftet hätte, ist nicht nur völlig unbewiesen, sondern auch mehr als unwahrscheinlich, gerade vor dem historischen Hintergrund der wilden Zeit und der wilden Welt, in der sie sich behaupten musste. Die Geschichte von dem Siedler, den Amalie zum Mord anstiften will und der sie in heiliger Empörung vom Hof jagt, geht gänzlich von den heutigen Moralmaßstäben aus: hier die Mörderin und da der redliche Farmer. Wenn aber zu jener Zeit für die Farmer Aborigines keine Menschen waren, sondern eine Art von Großwild, das man ungestraft jagen und töten konnte, warum hätte es Amalie nötig gehabt, ausdrücklich einen Mord in Auftrag zu geben? Und warum hätte der Siedler sie vom Hof jagen sollen? Hier geht es nicht um einen „Freispruch mangels Beweise“, wie es in der Zeitschrift „Geo“ heißt, sondern um eine Geschichte, die mehr als unglaubwürdig ist.

Was bleibt, ist einfach die Erkenntnis, wie hart Amalie Dietrichs Einsatz in Australien gewesen sein muss, wie extrem und neuartig ihre gesamte Lebenssituation. Hier muss man sich einfach völlig verabschieden von dem freundlich-harmlosen Bild der wackeren Botanikerin, die mit dem Schmetterlingsnetz durch den Wald zieht und sich nach den Blümchen bückt. Hier ging es ums nackte Überleben in der Wildnis, und man sollte doch nicht Zeter und Mordio schreien, wenn ein Mensch in solch einer Lage sich die Hände schmutzig macht. Gerade die frauenbewegten Damen, die bis vor kurzem Amalie Dietrich so eifrig vor ihren Karren spannten, können aus dieser Problematik lernen, dass es bei einer „starken Frau“ immer auch eine Kehrseite der Medaille gibt. Die Vorwürfe gegen Amalie Dietrich sollten nicht verschwiegen, aber auch nicht überbewertet werden.

Hier gibts mehr Material zu Amalie Dietrich.