Debüt mit Hindernissen: Fern von Cannes

Verunglücktes Debüt: "Fern von Cannes"Verunglücktes Debüt: "Fern von Cannes"

"Da haben wir den Möchtegern-Dichter Michael, der mit einem unsterblichen Werk der schnöden Umwelt sein Genie beweisen will, wir haben den Backfisch Jana, der sich aus tristem Arbeitsalltag in eine Liebesschwärmerei flüchtet, und schließlich den verwöhnten Sohn aus großem Hause, Sascha Bronikowsky, der sich in kleinlich-moralisierenden Attacken gegen den Vater verausgabt und dessen Autorität nichts anderes entgegenzusetzen vermag als Verweigerung. Die Helden der drei Erzählungen versteigen sich in Wunschträumen, stellen Ansprüche an eine Umwelt, für die sie sich nicht verantwortlich fühlen, der sie die Schuld anlasten, wenn der eigene Lebensplan nicht von allein aufgeht. Sie gefallen sich in der Außenseiterrolle, Bitterkeit und Stagnation sind angebahnt. Mit Ironie und moralischer Empfindsamkeit nimmt Tanja Stern Altersgenossen unter die Lupe, die sich Leben versagen, weil es ihnen nicht zu Munde geht.“ (Klappentext, verfasst von Annelie Kaduk)

Es handelte sich also um drei Erzählungen, die nicht inhaltlich, aber thematisch zusammenhängen, die einander ergänzen und konterkarieren. (Ich hatte immer eine Schwäche für Trilogien.) Natürlich waren sie autobiografisch gefärbt, und natürlich waren sie mit Wut im Bauch geschrieben, vermutlich normal bei einer Anfängerin.

Ein Autor, der schreibt, obwohl ihn kein Mensch druckt, ein junges Mädchen, das platonisch und vergeblich liebt, ein Sohn, der mit dem Elternhaus abrechnet - autobiografischer geht es nicht.

 Um 1979 herum suchte ich mir aus dem Telefonbuch die Nummer der Autorin Charlotte Worgitzky heraus. Ich hatte einen Erzählungsband von ihr gelesen, der mir gut gefallen hatte, und so rief ich sie an, um ihr zitternd und bebend die große Frage vorzulegen, ob sie meine Geschichten einmal lesen würde.

 Prompt und freundlich sagte Frau Worgitzky zu, und ein paar Wochen später kam durch ihre Vermittlung ein Kontakt mit dem Buchverlag Der Morgen zustande. Dieser Verlag, heute völlig vergessen, genoss in der DDR-Buchszene ein außerordentliches Renommee, nicht allein der literarischen Qualität seiner Autoren wegen, sondern vor allem aufgrund des Rufes, politisch aufmüpfige Texte zu drucken. Man denke sich meinen Stolz und meine überströmende Dankbarkeit, als dieser edle Verlag geruhte, mich in Gnaden unter seine Hausautoren aufzunehmen und mir ein Debüt in Aussicht zu stellen.

Doch so schwungvoll die Zusammenarbeit begann, so zäh kam sie in der Folge vom Fleck. In der DDR war eine Buchedition grundsätzlich eine ungeheuer umständliche Angelegenheit, und in meinem Fall wurde sie durch verschiedene Faktoren noch zusätzlich erschwert – durch meine Unerfahrenheit zum Beispiel, die mich in jedes Messer laufen ließ, oder durch die Tatsache, dass meine Texte tatsächlich Aufmüpfiges enthielten. Mir wird heute noch elend, wenn ich an die unzähligen Stationen denke, die ich zu durchlaufen hatte. Die endlosen Lektoratsdebatten. Die immer neuen Überarbeitungen (und immer neuen Manuskriptabschriften, denn das Zeitalter des Computers war noch lange nicht in Sicht). Die Zensur. Die Terminverschiebungen. Die schmählichen kleinen Zankereien. Als 1985 endlich mein Debüt erschien, hatte ich daran keine Freude mehr. Meine Geschichten waren bis zur Unkenntlichkeit verändert worden, und mein Enthusiasmus war restlos verbraucht. Ich hatte mir von diesem Projekt eine Art Durchbruch als Autorin versprochen und dafür Kompromisse hingenommen, für die ich mich bis heute schämen muss. Doch all der Aufwand blieb ohne Belohnung. Das Buch war erfolglos (nicht bei der Presse, aber, viel wichtiger, beim Verkauf), und der Verlag ließ sich trotz mehrerer Anläufe auf weitere Projekte mit mir nicht mehr ein. Wieder einmal war ich dem Reiz des Begehrten, des schwer Erreichbaren aufgesessen.

"Fern von Cannes" wurde im Sommer 2013 bei Amazon-Kindle neu aufgelegt. Näheres lesen Sie hier.