Neuauflage "Fern von Cannes"

Neuauflage "Fern von Cannes"Neuauflage "Fern von Cannes""Ein Möchtegern-Dichter, der unentwegt schreibt, obwohl die schnöde Welt sein Genie verkennt; ein junges Mädchen, das sich in eine eksstatische Liebesromanze steigert, obwohl ihr der Angebetete fern bleibt; und ein kinosüchtiger Prominentensohn, der sich der Sphäre seines Vaters verweigert, obwohl er ihr nichts entgegensetzen kann – das sind die drei Helden der Erzählungstrilogie 'Fern von Cannes'. Aus einer Umgebung, die sie als verlogen und kleinkariert empfinden, flüchten sie in unrealisierbare Träume von Erfolg und Glück und manövrieren sich in Außenseiterpositionen, die sie mehr und mehr dem echten Leben entfremden. 'Fern von Cannes' erschien 1985 in Ostberlin und hatte DDR-Befindlichkeiten zum Thema. Doch an dem Frust junger Menschen über eine triste und kritikwürdige Realität und an der Tendenz zur Flucht in irreale Welten hat sich bis heute nichts geändert." (Klappentext)

Schon lange hatte ich den Wunsch, die Erzählungstrilogie „Fern von Cannes“, mein unglückliches Prosadebüt von 1985, in ebook-Form herauszugeben und damit in die digitale Welt hinüberzuretten. Im Sommer 2013 bin ich endlich dazu gekommen.

Doch als ich in Vorbereitung der Edition die drei Geschichten nach Jahrzehnten wieder las und kritisch prüfte, bewegten mich ambivalente Gefühle. Es war nicht so, dass ich schockiert und beschämt reagiert oder dass ich mich innerlich abgewandt hätte, wie man es oft von reifen Autoren hört, die sich mit ihren „Jugendsünden“ konfrontiert sehen. Nein, ich hielt meine Geschichten noch immer für halbwegs vorzeigbar und rückte nicht von dem Vorsatz ab, sie als ebook erneut ans Licht der Welt zu befördern. Die Korrekturen, die ich vornahm, waren so minimal, dass man sie kaum als Überarbeitung bezeichnen konnte. 

Und dennoch fand ich die Texte gealtert, fand sie gewissermaßen getrocknet und geschrumpft, sowohl von der Form her (wie befremdlich wirkt heute der DDR-Stil der 1980er Jahre!) als auch vor allem in ihrer Bedeutung. Einst hatte ich in dem Wahn geschwebt, damit etwas höchst Kritisches, Entlarvendes und Revolutionäres zu verfassen. Ich hatte um jede Zeile gerungen, hatte den ganzen steinigen Weg durch die DDR-Zensur zurückgelegt, hatte endlose Debatten und erniedrigende Kompromisse in Kauf genommen, weil ich überzeugt gewesen war, der DDR-Gesellschaft mit diesen Erzählungen etwas ungemein Wichtiges vermitteln zu können. So war ich aufgewachsen, in einer Welt, die dem geschriebenen Wort eine rasante gesellschaftliche Sprengkraft beimaß; denn was immer man der DDR vorwerfen mag, sie hatte vor der Literatur einen Respekt, wie man ihn heutzutage vergeblich sucht, den Respekt der Diktatur vor der fremden Macht des Geistes.

Nun, „Fern von Cannes“ hat seinerzeit selbst in der DDR kaum Aufsehen erregt, und wenn ich den Band jetzt wieder lese, kann ich nur staunen, dass all das Kämpfen und Barmen, all die wilden Diskussionen und schlaflosen Nächte in diese ruhig kühle, rein literarische Bestandsaufnahme gemündet sind – dass ein paar Jahrzehnte reichen, um einem Buch die Intention und das Herzblut zu entziehen, mit denen es ursprünglich geschrieben wurde. "Fern von Cannes" ist nichts als ein gewöhnlicher, solider, etwas altmodischer Text, und ich kann froh sein, wenn darin wenigstens eine gewisse atmosphärische Befindlichkeit geblieben ist, die die DDR überdauert hat.

Debüt mit Hindernissen - "Fern von Cannes" 1985