Gefühl contra Geschichte: Ein Maskenball

Königsmord aus Eifersucht: Ein MaskenballKönigsmord aus Eifersucht: Ein Maskenball"Stockholm 1792. Auf einem Maskenball wollen antiroyalistische Verschwörer dem Leben des Schwedenkönigs Gustaf III. ein gewaltsames Ende bereiten. Von diesem Ball jedoch erhofft sich Gustaf unter dem Schutz der Verkleidungen und Masken ein Treffen mit der heimlich geliebten Amelia, der Gattin seines treuesten Freundes. Für dieses Treffen schlägt der König alle Warnungen in den Wind…“ (Klappentext)

Die Geschichte stammt ursprünglich aus der Feder Eugene Scribes, eines der populären Vielschreiber des 19. Jahrhunderts. Sie basiert auf der Ermordung des schwedischen Königs Gustaf III. während eines Maskenballs im Jahre 1792, die damals europaweit Aufsehen erregte.

 Freilich kümmerte sich Scribe um die historischen Fakten wenig. In seiner Version wird Gustaf keine politische Konspiration zum Verhängnis, sondern eine verbotene Liebschaft – historisch gesehen barer Unsinn, denn Gustaf hatte keinerlei Affären, weder mit Frauen noch mit Männern.

Die Gestalt des eifersüchtigen Gemahls, der ihm beim Maskenball das Leben nimmt, basiert auf zwei historischen Figuren: Baron Armfelt, Gustafs bestem Freund, und Jacob Johan Anckarström, dem Attentäter (ich habe mir in meiner Version erlaubt, auch ihre beiden Namen zu verquirlen). Der Mann verwandelt sich gewissermaßen auf offener Szene vom treuen Freund zum mordlüsternen Feind des Königs – ein Spagat, den nicht einmal ein Shakespeare hätte glaubhaft machen können. Auch die Wahrsagerin Ulrica Arvidson hat es wirklich gegeben; und Gustaf hat sie konsultiert, das ist verbürgt. Die Idee, sie könnte ihm seinen eigenen Tod vorhergesagt haben, bildet das zweite Dramatik erzeugende Grundelement in Scribes Geschichte – und wie reißerisch und hanebüchen diese Idee heute auch anmuten mag, es hat sich doch recht gut mit ihr arbeiten lassen.

Überhaupt scheint in der einfältigen Fabel eine inspirierende Kraft zu liegen. Verdis „Maskenball“ steht hinter „Rigoletto“ und dem „Troubadour“ an Popularität ein wenig zurück, doch an Qualität ist er beiden Werken meines Erachtens sogar voraus. Keine andere Heldin bei Verdi hat Passagen von solch verzweifelter Liebe zu singen wie Amelia. Diese Musik strahlt einen Zauber aus, an der sich, wie ich erfahren durfte, auch schlichte Prosa entzünden kann.