Jesiden gelten als friedliebend und sanft. Doch wenn sie die Ehre der Familie verletzt sehen, reagieren sie mit ebensolch archaischer Gewalttätigkeit, wie man sie von islamisch dominierten Völkern oder Religionsgruppen kennt. An den berüchtigten „Ehrenmorden“, die in Deutschland begangen wurden, haben auch Jesiden ihren Teil.
Es waren vor allem drei Frauenmorde innerhalb jesidischer Familien, die bundesweit Aufsehen erregten und die Lebensregeln der Jesiden in den Fokus der Öffentlichkeit rückten. In allen drei Fällen wurden Frauen, die gegen Traditionen aufbegehrten, von den eigenen Familien mit dem Tod bestraft.
1. Souzan
Als Souzan Barakat sterben musste, war sie erst dreizehn Jahre alt. Sie hatte zusammen mit ihrer aus dem Irak geflüchteten Familie im niedersächsischen Nienburg gelebt, dann jedoch fluchtartig ihr Elternhaus verlassen und sich unter den Schutz des örtlich zuständigen Jugendamtes gestellt. Warum? Souzan wird als ein ruhiges, unauffälliges Mädchen beschrieben; es kann nichts Kleines gewesen sein, was sie zu einer derart frühen und derart radikalen Trennung von ihrer Familie bewogen hat. Züchtigung? Missbrauch? Wir werden es nie erfahren. In einigen Medienberichten ist von einer angedrohten Zwangsheirat die Rede; aber meistens heißt es nur vage, Souzan hätte sich ein „Leben in Freiheit“ gewünscht. Die Mutter, später von Reportern befragt, will nicht die leiseste Ahnung gehabt haben, was Souzan zu ihrer Flucht bewog.
Ein halbes Jahr lebte Souzan Barakat in einer Jugendhilfeeinrichtung. Ali Barakat, ihr Vater, empfand dies als „Schande“ für die Fa-
milie und setzte alle Hebel in Bewegung, um Souzan zurückzuholen. Er soll sogar beim Hausarzt der Familie, einem Landsmann und Glaubensgenossen, ein Attest beauftragt haben, mit dem er seine Tochter in die Psychiatrie einweisen lassen konnte. Zum Glück hatten die zuständigen Mitarbeiter dem Attest keinen Glauben geschenkt und das Mädchen persönlich untersucht.
Mehrere Aussprachen verliefen ergebnislos; das Mädchen weigerte sich konsequent, zu ihren Eltern zurückzukehren. Der Landkreis Nienburg soll erwogen haben, den Eltern das Sorgerecht zu entziehen, was die „Schande“ des Vaters zementiert hätte.
Am 5. Dezember 2011 fand im Jugendamt Stolzenau ein weiteres Familientreffen statt. Der Anstoß ging von den Eltern aus, die ihre Tochter in einem scheinbar versöhnlichen Brief darum gebeten hatten. Doch Ali Barakat kam mit einer Pistole zum vereinbarten Treffpunkt, und nachdem auch diese Aussprache gescheitert war, streckte er Souzan mit sechs Schüssen nieder, noch im Beisein der Jugendamtsvertreter. Das junge Mädchen war sofort tot. Der Vater flüchtete, zunächst in den Irak. Von dort verliert sich seine Spur.
Ein halbes Jahr später tauchte auch seine Ehefrau mit den drei jüngeren Söhnen ab. Die Ermittler gingen von einer „Familienzusammenführung“ in der Illegalität aus. Souzans Mutter Hazna hatte zwar am Grab ihrer Tochter bitterlich geweint, hatte in Interviews den Mörder verurteilt und beteuert, sie wolle „nichts mehr von ihm wissen“[1], aber letzten Endes schien sie doch die Tat ihres Ehemannes mitzutragen. Vermutlich gilt das Gleiche auch für die jesidische Glaubensgemeinschaft, ohne deren Hilfe Ali Barakat sich wohl kaum der Fahndung hätte entziehen können.[2]
Obwohl der Fall weite Bekanntheit erlangte und auch in der populären ZDF-Sendereihe „Aktenzeichen XY ungelöst“ mehrere Male besprochen wurde[3], konnte Ali Barakat bis heute (Stand 2025) nicht gefasst werden. Man stellte jedoch den Hausarzt der Familie Barakat vor Gericht, der auf Betreiben des Vaters ein Attest zur Einweisung Souzans in die Psychiatrie gefertigt hatte.
Der Prozess war ein hintersinniges kleines Satyrspiel nach der Tragödie. Obwohl der Arzt Souzan Barakat seit Monaten nicht mehr gesehen hatte und auch davor nur im Zusammenhang mit Halsweh oder Kinderkrankheiten kannte, bescheinigte er ihr in dem Attest eine „paranoid halluzinatorische Psychose mit depressiver Episode bei bestehenden Suizidgedanken“[4], die dringend stationärer Behandlung bedürfe. Vor Gericht erklärte der Arzt, er zweifle nicht an der vom Vater behaupteten geistigen Erkrankung des Mädchens. Einmal habe sie in seiner Gegenwart die Füße auf den Tisch gelegt – na, wenn die nicht in die Klapse gehörte, wer dann? „Für uns ist ein 13-jähriges Mädchen, das seine liebevolle Familie verlässt, kein gesundes Mädchen“, erklärte der Doktor rundheraus. Die Ermordung Souzans durch ihren Vater nannte er einen „tragischen Unfall“. Und als man ihn fragte, ob er denn Ali Barakat für einen gesunden Menschen halte, erwiderte er: „Nein. Der hat Asthma.“[5]
Eine Bestrafung des wackeren Mediziners gab es nicht. Das Verfahren wurde aus formalen Gründen ausgesetzt und verlief im Sande.
2. Arzu
Arzu Özmen hatte das Pech, sich in den falschen Mann zu verlieben. Sie wuchs zusammen mit neun Geschwistern in Detmold (Nordrhein-Westfalen) auf, wohin ihr Vater in den 1980-er Jahren aus Anatolien geflüchtet war. Neben der Schule jobbte sie in einer Detmolder Bäckerei, und dort lernte sie ihren späteren Freund, den Russlanddeutschen Alexander kennen. Als Arzus Familie Wind von der heimlichen Romanze bekam – Alexander hatte der Geliebten einen Rosenstrauß geschickt –, nahm das Romeo-und-Julia-Drama seinen Lauf, denn Jesiden praktizieren Endogamie, dürfen also nur innerhalb ihrer eigenen Glaubensgemeinschaft heiraten.
Arzu wurde von ihrer Familie eingesperrt, auf das Schwerste misshandelt und wochenlang bedrängt, ihre Beziehung zu Alexander aufzugeben. Durch ein Kellerfenster konnte sie schließlich entkommen. Sie zeigte Vater und Brüder bei der Polizei an und flüchtete in ein Frauenhaus. Mehrmals erklärte sie, es werde ihr Tod sein, wenn sie je in ihr Elternhaus zurückkehren müsste.
Man versteckte sie, verhalf ihr zu einem neuen Aussehen und einer neuen Identität. Doch der Familienclan spürte sie auf. In der Nacht des 1. November 2011 stürmten fünf Özmen-Geschwister Alexanders Wohnung, wo das Liebespaar sich aufhielt. Sie schlugen Alexander nieder und verschleppten Arzu in ihrem Wagen. Zwar wurden die Täter schnell gefasst und in Untersuchungshaft gesetzt; doch Arzus Leichnam fand man erst Wochen später, im Januar 2012, auf einem Golfplatz nahe Lübeck. Das gerade 18-jährige Mädchen war mit zwei aufgesetzten Kopfschüssen förmlich hingerichtet worden.
In Detmold erregte der Fall Entsetzen. Die Özmens hatte als Musterbeispiel gelungener Integration gegolten. Sämtliche Familienmitglieder waren freundlich, fleißig und hilfsbereit, die Kinder hatten gute Arbeitsstellen und lebten in bescheidenem Wohlstand. Mit den deutschen Nachbarn kamen sie gut aus, man hatte gern miteinander geschwatzt und im Sommer auch mal gemeinsam ge-
grillt. Und nun dieser archaische, erbarmungslose Ehrenmord an der eigenen Schwester.
Die Geschwister Özmen sagten aus, sie hätten nicht beabsichtigt, Arzu zu töten. Sie wollten sie lediglich zu einem ihrer Onkel nach Hamburg bringen, doch dieser sei nicht zu Hause gewesen. Auf der Weiterfahrt nach Lübeck zu einem anderen Onkel hätte einer der Brüder, Osman Özmen, Arzu im Affekt erschossen, weil sie ausfallend gegen ihn geworden sei. Osman legte ein entsprechendes Geständnis ab.