Ein ganzer langer Sonntag mit hundert Schlagern? Und das ausgerechnet auf Radioeins? Es war ein Teil der Reihe "Sommer-Sonntage" - und war zugleich ein sonderbares Experiment.

Die „Sommer-Sonntage“ auf Radioeins, an denen man jeweils hundert ausgewählte Titel eines bestimmten Musikgenres spielt, zählen zu den besten Ideen des Senders und  jedes Jahr zu den Highlights im Programm. Doch lange war ich auf einen „Sommer-Sonntag“ nicht mehr so gespannt gewesen wie auf denjenigen, der sich dem Thema „Schlager“ widmen sollte. Schon dass die Experten von Radioeins, die immer so stolz auf ihre hochkarätige musikalische Bildung pochten, sich mit einem derart profanen und verrufenen Genre befassten, war ungewöhnlich und machte neugierig. Es soll auch vorab in der Redaktion sehr kontroverse Debatten gegeben haben, ob und wie man diese fragwürdige Musikspezies präsentieren wollte.

Am Ende setzte die Pro-Schlager-Fraktion sich durch, allerdings mit der Konzession, dass auch das Genre Chanson einbezogen wurde – aus meiner Sicht schon der erste Fehler, denn die edlen, meist französischen Chansons, die man sich zu spielen verpflichtet glaubte, wirkten merkwürdig fremd zwischen den buntscheckigen Schlagern, wie Alibis zur Wahrung eines höheren Niveaus. Sie hätten einen eigenen Sommersonntag verdient.

Auch innerhalb des riesigen Schlagerschatzes, den die Menschheit mittlerweile angehäuft hat, wären zeitliche oder nationale Einteilungen denkbar und wahrscheinlich besser gewesen. Mit Vergnügen hörte ich die fast vergessene Claire Waldoff aus dem Jahre 1929 her trompeten: „Ick lass keen Dokter ran an meine Brust wejen Emil seine unanständje Lust!“ Nur leider blieb das der einzige Ausflug in die reiche Schlagerwelt der 1920er und 30er Jahre.Entdeckungen und Wiederentdeckungen erlebte man an diesem Tag viel zu selten. Die Fünfziger waren nicht viel öfter vertreten. Ich leugne nicht, dass ich gern einem zünftigen Seemannsschlager hätte lauschen mögen oder einer Rudi-Schuricke-Perle. Doch der Mut zur rückhaltlos perversen Schnulze flackerte nur vereinzelt auf.

Dafür musste ich gleich zweimal fast hintereinander und in ganz ähnlichen Interpretationen „Ich hab noch einen Koffer in Berlin“ über mich ergehen lassen, nur weil sowohl Marlene Dietrich als auch Hildegard Knef zu den offiziellen Ikonen des gehobenen Liedgutes zählen. Die Kommentare, die die Redakteure und Experten den einzelnen Titeln widmeten, wurden meist eingeleitet von der Wendung: Schlager sind eigentlich gar nicht mein Ding, aber…Die Macher der Sendung waren einfach zu klug, zu befangen in ihren üblichen Kriterien, um einmal so richtig die Sau rauszulassen. Doch gerade hier hätte sich dazu eine schöne Gelegenheit geboten. 

Besonders bei der Auswahl der Texte walteten Schamgefühl und politische Korrektheit. Schlagertexte sind bekanntlich ähnlich hemmungslos wie Schlagermelodien; die älteren spiegeln überdies einen Zeitgeist, dem die löblichen Erkenntnisse unseres Weltverständnisses noch verschlossen waren. Schon im Vorfeld entrüstete sich M. C. Lücke, Projektleiter der Sommersonntagsreihe, über den bekannten Udo-Jürgens-Schlager „Siebzehn Jahr, blondes Haar“: Unfassbar, dass dieses pädophile Machwerk, in dem ein dreißigjähriger Mann einem erst siebzehnjährigen Mädchen „nachstellt“, im Jahre 1965 wochenlang ein Nummer-Eins-Hit war, den niemand inhaltlich hinterfragte! So reichlich auch das Werk von Udo Jürgens an diesem Schlagersonntag vertreten war, „Siebzehn Jahr, blondes Haar“ durfte selbstverständlich nicht den Äther besudeln.

Dafür fand Peter Maffay mit seinem Hit „Und es war Sommer“ von 1976, der die Beziehung eines sechzehnjährigen Jungen zu einer einunddreißigjährigen Frau thematisiert, einen gebührenden Platz im Programm, wobei den Inhalt auch niemand hinterfragte. Denn während Udo Jürgens nicht einmal die Hand seiner jugendlichen Angebeteten streift, weil er vorläufig gar nicht „zu ihr“ findet, geht es bei Peter Maffay voll zur Sache („Doch als ein Mann sah ich die Sonne aufgehn…“). Die Tugendbolde von Radioeins denken zwar augenblicklich an Missbrauch, wenn ein siebzehnjähriges Mädchen das Wohlgefallen eines reifen Mannes erweckt - was ja eigentlich nicht gar so unnatürlich ist -, doch wenn ein Sechzehnjähriger von einer doppelt so alten Lehrmeisterin vernascht und entjungfert wird, finden sie das anscheinend ganz okay. Dumm nur, dass die Jugendschutzgesetze für beide Geschlechter gleichermaßen gelten.

So können sich Moralvorstellungen in einfältigen Schlagerzeilen verheddern; und das geschah mehrfach an diesem Tag. Eine Jurorin bezeichnete den Thementag als einen Spagat zwischen „einerseits Fremdschämen, andererseits Abfeiern und Mitschunkeln“. Das Fremdschämen wurde etwas übertrieben, doch zum Abfeiern blieb bei hundert Titeln immer noch eine Menge übrig. Es war insgesamt ein interessanter Tag, den ich vor dem Radio verbrachte, interessant gerade in seinen Widersprüchen, die für etliche Aha-Erlebnisse sorgten. Ja, ich hätte eine andere Auswahl getroffen, das ist alters- und erziehungsbedingt. Aber das Prinzip der Sommer-Sonntage hat auch in diesem heiklen Fall funktioniert: Die hohen Musikexperten haben sich, wenn auch mit Scham und Halbherzigkeit, auf das Massengenre Schlager eingelassen und haben uns Zuhörer dazu gebracht, es tiefer zu erleben und über das Geheimnis seines Erfolges nachzudenken.

 

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