Online-Textagenturen haben Konjunktur, doch die Autoren werden jämmerlich bezahlt. Auch ich arbeitete einige Wochen im anonymen Heer der Schreibsklaven. 

Ebbe in der Haushaltskasse, keine Aufträge in Sicht – da muss die Freiberuflerin neue Wege finden, um das nötige Kleingeld aufzutreiben. Unter Suchworten wie „Geld verdienen im Internet“ stoße ich schnell auf die Online-Textagenturen, die neuerdings wie Pilze aus dem Boden schießen. Hier kann jeder als Autor agieren, der von sich glaubt, einer zu sein. Man meldet sich an, absolviert einen kurzen, leicht zu bestehenden Eignungstest und wird mit einem automatisch erstellten Schreiben als Autor im Portal begrüßt.

Nun loggt man sich ein und findet ein wildes Durcheinander von Schreibaufträgen vor: Hier will ein Modedesigner seine neueste Kollektion in einer Pressemitteilung vorstellen, da wird ein Infotext zum Sauerland verlangt, und dort wünscht sich der Betreiber eines Gartenportals einen Beitrag über Dahlienknollen. All diese Schreibaufträge werden in einem sogenannten Pool gelistet und harren des Autors, der sie erledigt. Wer immer sich zutraut, den Text zu schreiben, klickt einfach auf „Annehmen“ und hat den Zuschlag. Er schreibt seinen Text, sendet ihn an den Kunden, und wird, wenn dieser zufrieden ist, mit dem zuvor in der Auftragsbeschreibung avisierten Honorar entlohnt.

 

Ein Artikel für 2,11 €

Die ganze Prozedur läuft völlig anonym und automatisch ab. Der Autor hat keinerlei persönliche Kontakte, nicht zur Agentur, nicht zu den anderen Autoren, im Regelfall nicht einmal zum Auftraggeber. Allerdings kann nicht jeder Autor jeden Auftrag übernehmen. Es gibt eine festgelegte Hierarchie: Die Autoren werden in Stufen eingeordnet, über die sie sich hocharbeiten müssen, bei manchen Portalen auch in Kategorien wie Gold-, Silber- und Bronzeautor. Die Anfänger landen erst mal in der untersten Kategorie. Sie erhalten die schlechtesten Aufträge und bekommen dafür das wenigste Geld. Doch jeder Text wird vom Auftraggeber bewertet, und wenn die Bewertungen gut sind, wird man höher eingestuft. Dann winken attraktivere Aufträge, und das Honorar steigt um einige Cent.

„Um einige Cent“ ist keine Redewendung, sondern ganz und gar wörtlich zu nehmen. Schon die Auftraggeber zahlen Dumpingpreise an die Textagenturen, und von diesen Dumpingpreisen bleiben, wenn ich die Lage richtig übersehe, etwa 10 Prozent beim Autor hängen; den Rest streichen die Textagenturen ein. Als ich meinen ersten Text schrieb, flennte ich fast vor Wut und Demütigung. Es war ein zahnärztlicher Fachtext über Wurzelkanalbehandlungen. Der Kunde hatte 250 Worte bestellt, dazu den Einbau verschiedener Keywords sowie von Zwischenüberschriften. Dafür winkte ein Lohn von – 2,11 €. Etwa zehn Minuten brauchte ich, um die Auftragsbeschreibung zu studieren. Eine weitere Viertelstunde ging für Netzrecherchen drauf. Zwar gab es einen vorgegebenen Urtext, auf den ich mich zu stützen hatte, doch der Kunde legte Wert auf „unique content“, weshalb ich auch noch andere Texte über Wurzelkanalbehandlungen hinzuzog. Dann schrieb ich vielleicht eine halbe Stunde an dem eigentlichen Text, und ganz zuletzt baute ich die Keywords ein, die mich nochmals eine Viertelstunde kosteten. Und das alles für 2,11 €! Mein Gott, was war aus mir geworden? Was tat ich hier? In meiner Jugend hatte der Beruf des Autors – oder „Schriftstellers“, wie man damals sagte – in hohen gesellschaftlichen Ehren gestanden. Wann war er so in Verfall geraten, dass Schreiben schlechter bezahlt wurde als Putzen? Ich hatte die Gabe, formulieren zu können, immer für einen Gewinn gehalten – und jetzt war sie nicht mehr wert als ein Brosamen von 2,11 € für anderthalb Stunden harter Arbeit. Jetzt war aus mir eine Schreibnutte geworden, die sich zum Schnäppchenpreis verkaufte. Tiefer konnte man nicht sinken.

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