Basar in MarrakeschZur touristischen Saure-Gurken-Zeit im Winter locken Billiganbieter mit erfreulichen Tiefpreisen; doch wer hier anbeißt, kann übel draufzahlen. Bericht von einer Busrundreise durch Marokko.

Eine Rundreise durch Marokko für nur 179 Euro! Und was für eine: Der Prospekt verspricht Flüge mit einer „renommierten Fluggesellschaft“, Unterbringung in „ausgewählten 4-Sterne-Hotels“ inklusive „reichhaltiges Frühstücksbuffet“, dazu die gesamte Fahrt mit „fachausgebildeter, Deutsch sprechender Reiseleitung“. Na, wenn das kein Schnäppchen ist! Auf nach Marokko!

Es muss uns nicht stören, dass die 179 Euro nur einen Basis- und Lockpreis für die unattraktivste Reisezeit bilden – zum Frühjahr hin werden Aufschläge von mehr als 100 % verlangt –, wir wollen tatsächlich im Januar verreisen. Der Saure-Gurken-Termin ist fraglos einer der Gründe für den günstigen Reisepreis: Üblicherweise sind Dezember und Januar Marokkos Winter mit starken Regenfällen und einem permanenten schneidenden Wind.

In diesem Punkt allerdings verhilft uns die Natur zu einem unverhofften Schnäppchen: Während der gesamten Woche herrscht optimales Rundreisewetter mit Sonnenschein und milden Temperaturen um die 25 Grad. Mit Genugtuung vernehmen wir, dass schon im späten Frühjahr, also zur sogenannten attraktiven Reisezeit, die lokalen Temperaturen nicht selten 45 bis 48 Grad erreichen. Dann dürfte eine Busrundreise durch Marokko eine schwer erträgliche Folter sein.

 

Preiserhöhungen durch Zusatzpakete

Eine weitere Stellschraube für die Preise ist die Verteilung von diversen Aufschlägen – etwa für Einzelzimmer oder Flughafengebühren – sowie das Operieren mit Zusatzpaketen: Gleich in der Reiseankündigung wird uns ein Zusatzpaket angeboten, das „Kultur- & Genusspaket“, das optional hinzugebucht werden kann: Für 139 Euro verspricht man uns sieben mal Abendessen und die Eintrittsgelder zu allen besuchten Sehenswürdigkeiten. Na schön, in Anbetracht des niedrigen Basispreises nehmen wir auch noch das Zusatzpaket. Damit sind wir bei 318 Euro, mit dem Flughafenzuschlag, der sich in Berlin-Schönefeld auf 80 Euro beläuft, bei 398 Euro. Immer noch ein Schnäppchenpreis, wie wir finden. Und wir sind nicht die Einzigen, die so denken. Der Flieger ist bis zum letzten Platz besetzt.

In den zugesandten Reiseunterlagen wird ein zweites Zusatzpaket erwähnt, das erst direkt vor Ort zu erwerben ist: Das „Entdeckerpaket“ soll nochmals 129 Euro kosten. Dafür wird während der Reisewoche ein Mittagsbüffet in Aussicht gestellt, dazu noch bestimmte Zusatzleistungen wie etwa eine „Lichterfahrt“ durch Casablanca oder ein Ausflug nach Essaouira. Wir hatten das Angebot ignoriert, aber gleich auf der ersten Busfahrt vom Flughafen Marrakesch zur Innenstadt bringt der Reiseleiter ungesäumt die Rede auf das zweite Zusatzpaket, preist in den höchsten Tönen dessen Vorzüge an und erklärt unverblümt, er gehe davon aus, dass alle Anwesenden dieses Paket erwerben, damit die Gruppe überall zusammenbleiben kann. Fast die gesamte Reisegruppe bucht daraufhin auch das „Entdeckerpaket“.

Stimme aus dem Reisebus: Ich war die Einzige in unserem Bus, die das Mittagessen-Paket nicht wollte. Und ich dachte, was wird aus mir, wenn ich ganz allein ohne die Gruppe bin? Also habe ich es dann doch noch gebucht.

Der Gruppendruck spielt auf Reisen wie dieser eine äußerst wichtige Rolle. Das Angebot wendet sich gezielt an Menschen, die nicht genügend Mut und nicht genügend Initiative aufbringen, um ein wildfremdes Land wie Marokko auf eigene Faust zu erkunden. Die völlige Sprach- und Ortsunkenntnis, in die man sich geworfen sieht, die exotisch-undurchdringlichen Sitten, dazu auch das Wissen um die jüngsten terroristischen Anschläge – unsere Reise findet eine gute Woche nach dem Attentat von Istanbul statt –, das alles wirkt beängstigend und erweckt Sehnsucht nach Gruppenschutz. Das ist es, was sich die Veranstalter wünschen: eine Gruppe, deren Konsum und Verhalten sich unbeschränkt kontrollieren lässt. Ausscheren ist möglich, aber im höchsten Grade unerwünscht. Als wir das „Entdeckerpaket“ ablehnen, schaut uns der Reiseleiter an wie Asoziale und kann nur mühsam seinen Zorn bezwingen. Bald erfahren wir, welche praktischen Nachteile wir uns mit unserer Verweigerung eingehandelt haben.

Stimme aus dem Reisebus: Das weiß man doch, wie das abläuft, wenn man sich auf so eine Pauschalreise einlässt. Die fahren einen zum Mittagessen voll in die Pampa, wo man keine Chance hat, sich allein was anderes zu essen zu besorgen.

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