Kaffeefahrt-Veranstaltungen als Geldbringer

Was jedoch wirklich Geld nach Marokko bringt und die Billigreisen zum Bombengeschäft für mehr als eine Firma macht, ist natürlich der Kaffeefahrt-Effekt. „In einer traditionellen Knüpferei erleben wir das faszinierende, jahrhundertealte Kunsthandwerk der Teppichherstellung, welches Sie begeistern wird“, steht in der Reisebeschreibung zu lesen; und an anderer Stelle heißt es: „Die große Handwerkstradition von Marokko führt uns anschließend in eine Schmuck- und in eine Ledermanufaktur. Neben Informationen über die manuelle Herstellung bekommen Sie auch Gelegenheit, ein persönliches Urlaubs-Souvenir zu erwerben.“ In diesen treuherzigen Sätzen steckt der Kern und Endzweck der Reise, der wahre Grund für ihren niedrigen Preis.

Gern würde ich schreiben, dass ich diese Kaffeefahrt-Veranstaltungen nur notgedrungen und aus vornehmer Distanz über mich ergehen ließ. Tatsächlich habe ich sie als sehr spannenden und kurzweiligen Teil der Reise erlebt – nicht nur, weil man dabei tatsächlich etwas über marokkanisches Kunsthandwerk lernen kann. Vor allem kann man etwas lernen über die Kunst, Waren zu präsentieren und Kaufreize auszulösen. Ich hatte Ähnliches vor Jahren einmal in der Türkei erlebt; doch dort vermochten trotz exzellenter Präsentation die altmodisch-langweiligen Perserteppiche kaum jemanden ernstlich in Versuchung zu führen. Die Teppiche in Marokko dagegen boten eine erstaunliche Vielfalt, die jeden Geschmack bedienen konnte: Berberteppiche, Seidenteppiche, Therapieteppiche, Kelims, in allen Farben, Größen und Formen, gewebt und geknüpft, traditionell und modern, farbenprächtig und dezent – es war eine Freude, sie anzusehen, und es war eine Freude, den Knüpferinnen bei ihrer Arbeit zuzuschauen.

Man stellte uns die Frauenkooperative vor, in der die schönen Arbeiten produziert wurden – ein in Marokko offenbar vielfach verbreitetes Modell, zumindest wenn man den Aussagen gegenüber uns Touristen glauben darf – und führte wortreich aus, dass diese Kooperativen den Frauen die Möglichkeit erschlössen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen und sich aus familiärer Abhängigkeit und Unterdrückung zu befreien. Anscheinend hatte man die Erfahrung gemacht, dass dieser quasi soziale Aspekt, dessen Wahrheitsgehalt schwer nachprüfbar ist, die Kaufbereitschaft speziell der weiblichen Touristen in erheblichem Maße fördert. Ich bin nicht sicher, ob das auch bei hässlichen Teppichen funktioniert; doch angesichts der Attraktivität der Ware wurde der Appell an das deutsche Helfersyndrom zum vollen Erfolg.

Noch verlockender als die Teppiche waren die Lederjacken, die man uns im Rahmen einer Modenschau vorführte: hochwertig verarbeitet aus seidenweichem Leder, flott geschnitten und mit einfallsreichen Accessoires. Dazu kam auch hier eine kluge und routinierte Präsentation, geschult an Dutzenden von Reisegruppen, die tagtäglich hier durchgeschleust wurden. Die Verkäufer, allesamt gut deutschsprachig, nahmen gezielt die Umschau haltenden Paare oder Freundesgruppen aufs Korn und hakten sich geschickt in die Konversation ein, sobald sie ein konkretes Interesse bemerkten. Wo ein allzu hoher Preis die Kauflust hemmte, ließ man sich augenzwinkernd herunterhandeln, bis der Kunde in dem Wahn schwebte, das Superschnäppchen seines Lebens zu machen. („Aber psst! Dieser Preis ist nur für dich! Die anderen müssen das nicht wissen!“) Welch ein Unterschied zum Shopping in den Souks, wo die verzweifelte Aufdringlichkeit der Händler jede Freude am Schlendern und Schauen verdarb.

Kein Wunder, dass die Reisegruppe kräftig zuschlug. Es gab Leute, die in allen drei Veranstaltungen dem geweckten Kaufreiz erlagen und mit Teppich, Ring und Jacke nach Hause fuhren Nicht selten gingen vierstellige Summen für einen Teppich oder eine Goldkette über den Ladentisch. Als wir nach der Ledermodenschau den Bus bestiegen, trug etwa die Hälfte der Reiseteilnehmer gut gefüllte Plastetüten. Meine eigene Schwester, an sich eine entschiedene Kaffeefahrt-Skeptikerin, blätterte mehrere Hundert Euro für eine elegante Lederjacke hin, und ich wäre ihrem Beispiel hoffnungslos gefolgt, wenn mir das nicht mein Kontostand leider auf das Strengste verboten hätte.

Stimme aus dem Reisebus: Ja, ich habe auch einen Teppich gekauft. Ich weiß noch gar nicht, wie ich das alles… Schon das Geld für diese Reise hab ich mir von meiner Tochter borgen müssen. Aber ich sage mir, ich unterstütze Marokko!

Wer arm ist, sollte sich vor Billigreisen hüten. Sie sind gefährlich – sie können teurer werden also so manche Kreuzfahrt. Es ist löblich, Marokko zu unterstützen; doch für die Marokkaner sind wir alle ohne Unterschied die reichen Goldesel, und am Ende unserer freundlichen Gefühle für das Land stehen höchst nüchterne Kaufverträge, juristisch wasserdicht und später kaum anfechtbar. Für 179 Euro hat man uns die Einreise ins Land gewährt; doch die meisten von uns reisen nicht wieder aus, ohne einen Zoll entrichtet zu haben, der um ein Vielfaches höher liegt. 

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