Ein Schlagersänger, zuvor bestenfalls den Lesern der Klatschpresse bekannt, wird über Nacht zum Superstar: nicht mit seinem Gesang, sondern mit einem selbstaufgenommenen Video, in dem er die erschütternde Geschichte einer antisemitischen Beleidigung erzählt.

Trotzköpfchen ärgert sich im Hotel: Zum Einchecken in der Warteschlange anstehend, nimmt er wahr, dass ein Hotelangestellter zwei andere Gäste, die nach ihm kamen, außer der Reihe vorgehen lässt. Trotzköpfchen macht dem Mann eine Szene: Warum werden die vorgelassen und er steht sich hier die Beine in den Bauch? Der Hotelangestellte versucht zu erklären: Diese Gäste sind bereits eingecheckt, die wollten nur schnell ihre Schlüssel holen. Trotzköpfchen insistiert, stampft mit dem Fuß auf, schreit den Angestellten an, das sei unerhört, er werde diesen Skandal in die sozialen Medien bringen, jawohl, auf die sozialen Medien versteht sich unser Trotzköpfchen! Am Ende reicht es dem Hotelangestellten. Er beruft sich auf das Hausrecht und weist dem Krakeeler kurzerhand die Tür.

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Gil Ofarim und das Corpus delicti,
die Kette mit dem Davidstern
(© Superbass / CC-BY-SA-4.0 via Wikimedia Commons)

Da sitzt er nun vor dem Hotel, ein Ausgestoßener, der auf Rache sinnt. Dieser abgefeimte Hotelangestellte soll sich noch wundern, wenn er die Geschichte ganz groß auf Instagram wiederfindet! Nur welche Geschichte? Die Untat des Mannes – andere Gäste vorzulassen, während er, Trotzköpfchen, noch warten musste – ist ärgerlicherweise nicht medienpräsentabel. Selbst die dümmsten Follower würden über ihn grinsen. Wie macht er vor seinem Publikum die unmenschliche Beleidigung geltend, die ihm widerfahren ist? Jawohl, Beleidigung und – vielleicht gar Diskriminierung…? Tschakka, da ist sie ja, die medienpräsentable Geschichte: Der Hotelangestellte hat ihn rausgeworfen, weil er Jude ist! Die Überwachungskamera des Hotels zeichnet auf, wie Trotzköpfchen in plötzlichem Entschluss die Kette mit dem Davidstern unter seinem T-Shirt hervorzieht, die ihn äußerlich als Juden kenntlich macht. Dann zückt er sein Handy und betätigt die Videoaufnahmetaste, um mit zitternder, halb versagender Stimme der Welt eine Geschichte zu erzählen, in der er kein infantiles Trotzköpfchen mehr ist, das man wegen Krakeelens aus dem Hotel wirft, sondern ein zutiefst verletzter jüdischer Mitbürger, dem auf deutschem Boden, einer unheilvollen Tradition folgend, schlimmstes Unrecht angetan wurde: Der Hotelangestellte habe von ihm verlangt, die Kette mit dem Davidstern abzunehmen; andernfalls werde er ihn nicht in das Hotel einchecken lassen. „Deutschland 2021“, presst Trotzköpfchen am Ende unter Tränen hervor.

So weit, so erbärmlich. Es wird immer solche Trotzköpfchen geben, die mit Niederlagen nicht umgehen können und zu den befremdlichsten Mitteln greifen, um sie zu kompensieren. Interessant ist nicht das unreife Trotzköpfchen Gil Ofarim – der wäre keinen Artikel wert; auch nur über ihn zu recherchieren, ruft Verdruss und Ekel hervor. Doch interessant ist die gesellschaftliche Reaktion, die er mit seinem Coup auslöst. Ein Shitstorm ohnegleichen entbrennt. Das Video, in dem Trotzköpfchen den ungeheuerlichen Vorfall schildert, wird millionenfach geteilt; der kleine C-Promi Gil Ofarim, dessen Name vorher allenfalls den Lesern der Klatschpresse bekannt war, ist plötzlich ein hochbedeutender, deutschlandweit bekannter und gefragter Mann, der sich vor Angeboten kaum retten kann. In allen Zeitungen gibt er Interviews, in allen Talkshows wiederholt er seine Geschichte,  und alle, wirklich alle nehmen sie für bare Münze. Auf den Social-Media-Kanälen lautstarke, einhellige Empörung. In der Premiumpresse hochgelehrte kulturpessimistische Betrachtungen über den Antisemitismus, der sein hässliches Haupt wieder hebt – so hat es schon einmal angefangen, und wohin hat es geführt? Direkt in den Holocaust, jawohl! Der Vorfall wird für so bezeichnend erachtet, dass er es bis in die Tagesschau schafft. Deutschland 2021.

Das Leipziger Westin-Hotel, diese schändliche Brutstätte des Antisemitismus, sieht sich mit einer derartigen Flut von Hassbotschaften, Boykottankündigungen, Drohanrufen und Presseanfragen aus dem In- und Ausland konfrontiert, dass ihm tagelang der Kollaps droht. Sechshundert Menschen demonstrieren am Abend nach dem Vorfall in heiliger Empörung vor dem Eingangsportal. Sie halten anklagende Transparente in die Höhe, bringen in Sprechchören ihre tadellose Haltung zum Ausdruck. Der Hoteldirektor, ein grundbürgerlicher, staatstreuer Mann, spricht fassungslos von einem „Orkan, der über uns hereingebrochen ist“. Seit langen Jahren Stammleser der „Süddeutschen Zeitung“, kann er jetzt in seinem Lieblingsblatt lesen, wie ein anerkannter Historiker das Verhalten seines Hotels angeekelt mit dem „Bäder-Antisemitismus“ der 1920-er Jahre vergleicht. Die Überschrift lautet „Grandhotel Abgrund“. Der Direktor versteht die Welt nicht mehr. Er hat doch den Angestellten, der so dreist war, sich mit Trotzköpfchen anzulegen, umgehend vom Dienst suspendiert, ganz wie es sich in einem Rechtsstaat gehört. Trotzköpfchen hat sogar noch einen draufgesetzt und Anzeige gegen den Mann erstattet, worauf die Staatsanwaltschaft prompt ein Verfahren wegen „Volksverhetzung“ eröffnete. Hätte es vor dem Hotel keine Überwachungskamera gegeben, so wäre das Schicksal des unseligen Hotelangestellten besiegelt gewesen: Er hätte seinen Job verloren, wahrscheinlich seine ganze Existenz, und wäre zeitlebens von den Guten und Gerechten geächtet worden wie ein Kinderschänder, denn er hätte in ihren Augen das Allerheiligste geschändet: die Gefühle eines jüdischen Mitbürgers in Deutschland. Niemand hätte seiner Version geglaubt, denn alle wollten die Geschichte einer empörenden Diskriminierung gebührend ausschlachten und medial feiern. Alle glaubten Trotzköpfchen so unbedingt, wie man nur etwas glauben kann, was man sich von ganzem Herzen wünscht und was man zur Bestätigung des eigenen Weltbildes dringend braucht. Deutschland 2021.

Wie ist das zu erklären – wie konnte Trotzköpfchens dumme kleine Rachegeschichte einen derartigen Erfolg haben? War der Schnösel denn so schwer zu durchschauen? Erscheint es wirklich so glaubwürdig, dass jemand 2021 in einem renommierten Hotel und in aller Öffentlichkeit unverhüllt antisemitisch beleidigt wird? Eine Zeugin, die zugleich mit Trotzköpfchen in der Hotellobby Schlange stand, gab bei ihrer Vernehmung zu Protokoll, sie trete als Betriebsrätin tagtäglich für Benachteiligte ein, und hätte sie auch nur im Ansatz mitbekommen, dass hier eine antisemitische Diskriminierung im Gange sei, so wäre sie selbstverständlich eingeschritten. Das darf man getrost verallgemeinern: Hätten die anwesenden Hotelgäste und -mitarbeiter tatsächlich einen Akt des Antisemitismus erlebt, sie hätten genauso empört reagiert, wie später ganz Deutschland auf Trotzköpfchens famoses Video reagierte. Und dennoch, aller Logik und Wahrscheinlichkeit zum Trotz, wurde Trotzköpfchens Story ein Hit, denn sie schien endlich zu belegen, was die Medien uns seit Jahr und Tag suggerieren: dass in Deutschland hinter jeder Ecke der Antisemitismus lauert und dass er uns alle überschwemmen wird, wenn wir nicht mit der ganzen Härte des Rechtsstaates gegen ihn vorgehen. Deutschland 2021.

Ich komme selbst aus einer jüdischen Familie und halte diese These für sehr fragwürdig. Mir scheint, dass offener Antisemitismus in Deutschland nur sehr selten vorkommt; allenfalls in türkisch-arabischen Kreisen zeigt er sich in manifester Form, und dort hat er wohl mehr mit dem Nahostkonflikt als mit historischen Traditionen zu tun. Dass in Deutschland ein Klima des latenten Antisemitismus herrscht, weiß ich nur, weil die Medien es ständig behaupten. Ich persönlich habe noch niemals Antisemitismus zu spüren bekommen und kann immer nur staunen, wenn mal wieder ein jüdischer Mitbürger mit traurigen Augen in die Kameras der staatsgelenkten Medien schaut und von einem derartigen Vorfall berichtet. Sicher, die persönliche Erfahrung ist nicht alles. Doch gerade der Fall Gil Ofarim zeigt, wenn auch auf leicht absurde Weise, was jemandem blüht, der es hierzulande wagt, einen Menschen aufgrund seiner jüdischen Herkunft zu benachteiligen und zu diskriminieren.

Hier scheint mir das wirkliche Problem zu liegen: in dem wütenden gesellschaftlichen Drang, Antisemitismus allenthalben zu wittern, zu entlarven und aufzubauschen, um ihn dann auf das Härteste zu bestrafen. Meist wird dabei die Schönheit der eigenen Gesinnung mit solcher Verve zur Schau gestellt, dass man sich des Verdachtes nicht erwehren kann, allein in dieser Zurschaustellung liege der eigentliche Zweck der Übung. Doch selbst wenn man annimmt, das sei vom Einzelnen ja gut gemeint, als gesellschaftlicher Trend ist es nicht gesund. Der forcierte Kampf gegen den Antisemitismus ist ein Teil der allgemeinen Ideologisierung, des zunehmenden Moralismus, der uns auf allen Gebieten Maulkörbe anlegt, unsere Sprache der Unbefangenheit beraubt und das geistige Klima in Deutschland verdirbt. Trotzköpfchen hat diesen Gesellschaftstrend gezielt benutzt, um sein Mütchen zu kühlen und sich überdies noch medienwirksam als jüdischen Märtyrer und Widerstandshelden aufzubauen. Er wusste genau, welche Knöpfe man in unserer Mediengesellschaft drücken muss. Das ist einerseits zwar widerlich, hat aber andererseits auch etwas von einer jüdischen Köpenickiade, und dass all die selbstgerechten Gutmenschen so einhellig darauf hereingefallen sind, erfüllt mich mit einer ähnlich hämischen Freude, wie sie einst der Streich des seligen Hauptmanns von Köpenick auslöste. Endlich hat mal jemand unseren geistigen Führer:Innen (wow, wer hätte gedacht, dass ich nochmal ganz freiwillig gendern würde!) den Eulen-Spiegel vorgehalten – vielleicht werden sie in Zukunft etwas vorsichtiger sein, bevor sie sich wieder über einen Fall von Antisemitismus empören; und wenn sie nebenbei auch etwas vorsichtiger sind in all den Fällen von Rassismus, von Schwulen- oder Frauenfeindlichkeit, über die sie sich Tag für Tag empören, dann kann das auch nicht von Schaden sein.

Von Schaden ist der Fall Ofarim allenfalls in Bezug auf den latenten und versteckten Antisemitismus, der heimlich in den Köpfen blüht und durch keinerlei Gesetze oder Demonstrationen gebannt werden kann. Wer sich wie Trotzköpfchen beim Lügen und Verleumden explizit auf seine jüdische Herkunft stützt, wird natürlich Antisemitismus wecken, auch dort, wo vorher keiner bestand. Aber dagegen helfen keine staatlichen Druckmittel. Dagegen hilft nur tagtägliche ehrliche Präsenz, die auf Dauer menschlich überzeugend wirkt. Hätte Trotzköpfchen die Größe, die Wahrheit zu gestehen, so könnte er bei seinen Mitmenschen, von denen jeder schon mal Scheiße gebaut hat, auf Verständnis und Verzeihung hoffen, zumal man ihm ja auch zugutehalten muss, dass er von der unverhofften Medienlawine, die er losgetreten hat, in die „Flucht nach vorn“ getrieben wurde.

Doch Trotzköpfchen beharrt natürlich darauf, nie ein unwahres Wort geäußert zu haben; er beharrt sogar noch immer darauf, ein einsamer und mutiger Vorkämpfer gegen den Antisemitismus in Deutschland zu sein, und den Medien ist das nur recht so. Peinlich genug, dass man Trotzköpfchen wochenlang im Triumph von Talkshow zu Talkshow trug, nur um dann die schöne Illusion von der antisemitischen Diskriminierung durch prosaische Überwachungskameras und Zeugenaussagen zerplatzen zu sehen. Doch jetzt sollte man schnellstmöglich den Mantel des Schweigens über diese hässliche Geschichte breiten. Es mag ja auch schon niemand mehr darüber reden - zu verwirrend, zu absonderlich, zu blasphemisch ist diese Verkleidung eines banalen Dummenjungenstreiches in das Gewand der jüdischen Tragödie. Man besinnt sich auf die Unschuldsvermutung, eines der höchsten Güter des Rechtsstaats. Zwar hatte sie keine Rolle gespielt, als es um jenen Hotelangestellten ging, doch Trotzköpfchen darf nicht angetastet werden, denn seine Blamage wäre die Blamage der gesamten deutschen Medienwelt. Natürlich kann es keine Erklärung geben, die seine Aussagen mit den erwiesenen Fakten in Übereinstimmung bringt, und das dürfte auch jedem klar sein; doch umso beruhigender ist es, dass ihn niemand einen Lügner und Verleumder nennen darf, bevor nicht ein Gericht das amtlich festgestellt hat. Und das kann noch eine Weile dauern. Momentan (Stand Juni 2022) sieht es so aus, als wollte man das eingeleitete Verfahren gegen Trotzköpfchen so lange hinziehen, bis ein wenig Gras über die mediale Aufregung gewachsen ist, und ihn dann in aller Stille zu einer symbolischen Bewährungs- und/oder Geldstrafe verurteilen. Deutschland 2022 – naja, womöglich auch erst 23.

Am Schluss noch eine interne Anmerkung: Dieser Text ist in der ursprünglichen Fassung ohne jede Ich-Form geschrieben worden. Ich verberge meine jüdische Herkunft nicht, aber ich gehe auch nicht so penetrant damit hausieren wie Trotzköpfchen. Warum habe ich dennoch beschlossen, meine persönliche Sicht einzubringen und mich selbst als jüdisch zu outen? Um die enorme Wut zu erklären, die Trotzköpfchens Verhalten in mir hervorruft? Oder aus Unbehagen, aus Angst, von den Gutmenschen falsch verstanden zu werden, aus dem Gefühl heraus, dass meine jüdische Herkunft das Einzige ist, was mich berechtigt, so über Trotzköpfchen zu schreiben, wie ich es in diesem Aufsatz getan habe…? Deutschland 2022.

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