Doch Goethe ist kein gewöhnlicher Greis. Er lebt von jung auf in der Überzeugung, der bedeutendste Dichter der Welt zu sein, und er weiß sich mit einem kleinen Hofstaat von devoten Bewunderern zu umgeben, der diese Überzeugung teilt und ihm täglich aufs Neue verifiziert. Alle buhlen sie um seine Gunst, alle blicken sie zu ihm auf wie zu einem herniedergestiegenen Halbgott. Rücksicht auf andere hat der Mann nie geübt, warum sollte er sie im Alter lernen? Er darf mit Selbstbewusstsein Wünsche äußern, die bei anderen unsinnig und lächerlich wären. Der Großherzog selbst springt beflissen herbei und nimmt eine weite Reise auf sich, um seinem Hausdichter die Erfüllung dieser Wünsche zu ermöglichen. Wahrscheinlich gehen die beiden Herren davon aus, dass Ulrike sich nur geehrt fühlen kann, wenn Goethe sie seiner kostbaren Neigung würdigt. Was er ihr bietet, ist etwas grundsätzlich anderes als der Alltag an der Seite eines unappetitlichen Greises. Es ist die Chance, den Ruhm eines Genies zu teilen und durch ihn Literaturgeschichte zu schreiben.

Nicht wenige Mädchen an Ulrikes Stelle hätten Goethes Antrag in diesem Licht gesehen. Literaturbeflissene Mädchen gibt es mehr, als man denken sollte, und ruhmsüchtige Mädchen auch. Solche Mädchen würden Ja sagen mit fliegenden Fahnen, wenn ein hochverehrter Dichter um sie freit, egal, wie alt, egal, wie fett, egal mit welch ekelhaften Krankheiten behaftet sein äußeres Selbst auch sein möge, sie würden stolz auf „normale“ Weiblichkeit verzichten und sich glücklich preisen, in der nächsten Nähe seines hohen Geistes weilen zu dürfen, wie Nonnen, die sich der Literatur weihen.

Ist es das, was auf Ulrike abschreckend wirkt? Hat sie Goethe abgewiesen, weil sie nicht als guter Engel eines Dichterfürsten in die Nachwelt eingehen wollte? Oder folgt sie nur dem natürlichen Instinkt eines unerfahrenen Mädchens, das einfach Liebe und weibliche Erfüllung finden will? Ihre eigenen Äußerungen – dass sie „gar keine Lust zu heiraten“ verspürte und dass sie Goethe bloß „wie einen Vater“ liebte[3] – sind hierzu wenig aussagekräftig; andere wurden nur indirekt überliefert und bilden keine sichere Quelle. Ulrike von Levetzow ist eine Figur im Schatten ihrer Interpreten; die unzähligen Deutungen, Ausschmückungen und Hinzudichtungen, die sie durch die Literaturgeschichte erfuhr, haben ihr historisches Bild bis zur Unkenntlichkeit verzerrt.

Als Beispiele seien hier die zwei bekanntesten literarischen Aufarbeitungen der Ulrike-Episode genannt: Stefans Zweigs „Sternstunden der Menschheit“ und Martin Walsers „Ein liebender Mann“. Bei Stefan Zweig tritt Ulrike als Person kaum in Erscheinung. Sie ist nicht mehr als ein lieblicher Schmetterling, der Goethe zufällig vor Augen flattert. Im Winter zuvor hatte der Dichter wochenlang schwer krank gelegen und schon sein Ende nahen gefühlt. Doch im Licht des Marienbader Sommers lebt er wieder auf, er atmet hoch und entdeckt die Welt neu mit der sehnsuchtsvollen Intensität eines Menschen, der dem Tod entronnen ist. Insbesondere entzückt ihn die holde Weiblichkeit ringsum – bald entflammt er für die schöne polnische Pianistin Maria Szymanowska, die gerade in Marienbad weilt, bald für die frische junge Ulrike von Levetzow, die Tochter seiner alten Flamme Amalie, oder für sonst irgendeine schöne Frau, die auf der Kurpromenade seine Wege kreuzt. Doch die Personen sind austauschbar, sind nichts als Projektionsflächen für die neu belebte Produktivität des Meisters, die nach weiblicher Inspiration verlangt und die in der „Marienbader Elegie“, einer dichterischen „Sternstunde der Menschheit“, am Ende großartigen Ausdruck finden wird. Was bedeutet schon Ulrike als quasi Adressatin des Gedichts, was bedeutet der peinliche Heiratsantrag? Er hätte auch der Szymanowska gelten können. Bedeutsam sind nicht die Irrwege eines Künstlers. Bedeutsam ist allein sein Werk.

Goethe und Ulrike auf dem Marienbader Goethe-Wanderweg

Bei Martin Walser dagegen ist Ulrike ein idealisches Geschöpf, der Liebe eines Goethe mehr als würdig: schön, empfindsam, dazu blitzgescheit und von einem über ihre Jahre reifen Urteil, das sie befähigt, dem großen Dichterfürsten auf Augenhöhe zu begegnen und eine Beziehung von wunderbarer Harmonie und Tiefe zu ihm aufzubauen. Natürlich erwidert sie die Leidenschaft des Greises – wie könnte sich ein derart edles Mädchen von Altersgebrechen abschrecken lassen, wo es um rein seelischen Gleichklang geht. Mit einem Wort, Ulrike ist der Liebestraum des alternden Intellektuellen. Und mit diesem ist weniger Goethe gemeint – der hätte Gretchens naives Geplauder dem seelischen Gleichklang vorgezogen – als vielmehr Martin Walser selbst, der hier ein kaum verhohlenes Selbstporträt und einen Spiegel seiner Alterswünsche erschafft. Er ist der titelgebende „liebende Mann“, der im Alter noch einmal von Liebesgefühlen wie von einer Krankheit überwältigt wird. Walser lässt uns zuschauen, wie ein würdevoller, von der Welt hoch verehrter Mann durch das Alter zum hilflosen Verlierer wird in einem Spiel, das er zeitlebens virtuos beherrschte. Mit ein bisschen mehr Abstand und Selbstironie hätte das eine interessante Studie der Altersliebe werden können. Doch durch die ständige Verklärung des Hohen Paares gleitet die Erzählung immer wieder ins märchenhaft Edelkitschige ab.

Wie war die wirkliche Ulrike von Levetzow – was bleibt von ihr, wenn man sie auf die historisch verbürgten Fakten reduziert? Hineingeboren in eine aristokratische Familie, verbringt sie ihre frühen Tage auf einem sächsischen Rittergut, bekommt in einem Strasburger Mädcheninternat eine standesgemäße Erziehung verpasst und lebt danach mit ihrer Familie hauptsächlich im böhmischen Dörfchen Trieblitz, heute  Třebívlice, wo ihr vermögender Stiefvater Franz von Klebelsberg ein Landgut mit stattlichem Schloss unterhält. Diesem Stiefvater gehört auch ein Palais in Marienbad, das als Hotel vermietet wird. Dort pflegt die Familie Klebelsberg-Levetzow ihre Sommer zu verbringen, und dort kommt es zu der denkwürdigen Begegnung zwischen Ulrike und dem alten Goethe.

Später, als die Familie in Wien residiert – auch dort hat Klebelsberg ein Palais – gefällt Ulrike noch vielen weiteren Herren: Nicht weniger als 14 Heiratsanträge soll sie eingesammelt haben. Dieses Detail klingt zwar mehr nach Gesellschaftsklatsch als nach verbürgtem historischem Wissen, aber Fakt ist, dass Ulrike mehrere Bewerber abweist und ihr Leben allein verbringt – ein langes und äußerlich recht einförmiges Leben. Da sie den Titel einer „Ehrenstiftsdame“ des Klosters Heiligengrabe führt, wird in einigen Berichten der Eindruck erweckt, sie hätte sich ins Kloster zurückgezogen; tatsächlich ist sie niemals dort gewesen. Nach dem Tod ihrer Mutter wird sie Erbin des Schlosses und Landgutes Trieblitz, wird Patronin eines Dorfes, und dort fühlt sie sich offensichtlich voll in ihrem Element. Jeden Morgen steht sie zeitig auf und ist den ganzen Tag unermüdlich beschäftigt, gibt Anweisungen, schreitet Ställe ab, putzt Dienstmägde herunter, feilscht mit Lieferanten. Sie ist eine passionierte Jägerin, und sie gibt viel Geld für wohltätige Zwecke aus. Die tägliche Armenküche im Schloss oder die Gründung einer örtlichen Mädchenschule gehören ihrer Auffassung nach zu den Pflichten der Gutsbesitzerin. Nur gelegentliche Verwandtenbesuche oder Ausflüge in die umliegenden Städte bringen Abwechslung in ihren Alltag, der sich in den engen Kreisen immergleicher Pflichten bewegt.

Mit den Jahren wird sie bärbeißig und schrullig, entwickelt vermutlich auch den selbstherrlichen Dünkel, für den der deutsche Landadel berüchtigt war, besonders wenn er in fremdsprachigen Regionen wie Böhmen als Befehlshaber waltete. Doch ihre enorme Arbeitsleistung macht sie jederzeit sympathisch, macht sie zu einer Vorläuferin der modernen berufstätigen Frau, die auch ohne Mann imstande ist, sich zu ernähren und ein erfülltes Leben zu führen. Sie wird stolze 95 Jahre alt und stirbt erst im November 1899, dicht an der Schwelle zum 20. Jahrhundert. Nach den Aussagen ihrer Verwandten soll sie bis zuletzt rastlos gearbeitet haben, „eine alte resolute Gutsbesitzerin, in kerzengrader, aufrechter Haltung, die sich noch über 90-jährig über Zeitmangel beklagt, in ihren Briefen nicht von Goethe, sondern vom Sauschlachten, der Ernte, den angemieteten Gastarbeitern und dem Wetter schreibt und die sich über die neue Eisenbahn beklagt, weil sie quer über ihre Zwetschgenwiese, durch den Apfelgarten und die Fasanenzucht gebaut wird und die Gutsidylle stört.[4]

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