Dass sie zeitlebens unverheiratet blieb, mag für die Goethe-Verehrer zunächst etwas Beruhigendes haben: Na also, es war gar nicht Goethe, den sie ablehnte. Es war der Ehestand an sich. Bleibt nur die Frage, warum ein hübsches, wohlhabendes und charakterstarkes Mädchen so konsequent den Ehestand ablehnt, und das in einem Zeitalter, da die Heirat allein schon aus sozialen Gründen für jede Frau dringend erstrebenswert war. Theoretisch müssen die Gründe gar nichts mit der Marienbader Episode zu tun haben. Ulrike könnte lesbisch, frigide, bindungsscheu gewesen sein. Vielleicht hat sie „den Richtigen“ nicht gefunden oder, wenn doch, aus irgendwelchen traurigen Gründen nicht heiraten können. Und dennoch wird man den Verdacht nicht los, dass zwischen ihrer Begegnung mit Goethe und ihrer Ehelosigkeit ein unterschwelliger Zusammenhang besteht.
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| Ulrikes Grabkapelle in Třebívlice |
Nur welcher? Sicher gibt es die romantische Lesart: Ulrike hat im tiefsten Innern Goethe ihr Leben lang geliebt und wollte nach ihm keinen anderen erhören. Auf dem Friedhof von Třebívlice, wo sie in einer kleinen Grabkapelle ruht, lässt uns eine Tafel deutsch und tschechisch wissen: „Ulrike blieb dem Dichter treu, sie heiratete niemals.“ Es gibt auch eine Trieblitzer Zofe, die uns eine entsprechende Geschichte auftischt: Unmittelbar vor ihrem Tod hätte Ulrike angeordnet, die Briefe Goethes zu verbrennen, die der Welt von der wahren Liebesgeschichte der beiden hätten künden können. Die Asche sei dann in einem Schrein mit ihr zusammen begraben worden. Ein klarer Fall von Treue über den Tod hinaus.
Zwar widerspricht das allen bekannten Fakten, und die Zofe Marie Schäfer steht auch nicht im Ruf besonderer Wahrheitsliebe – sie soll sich mehrmals solche romantischen Anekdötchen ausgedacht haben –, aber ihre Aussage liegt ganz auf der Linie der noblen Goethe-Legende und wird in den Ulrike-Berichten immer wieder kolportiert; auch bei Martin Walser kann man sie lesen. Genauso wünscht sich der Goethe-Verehrer die Frauen im Dunstkreis des Dichterfürsten: Alle umschwirren sie ihn wie Motten das Licht, und wenn sie sich fürs Leben verbrennen, ja dafür kann der Meister nicht.
Es gibt mehrere Goethe-Geliebte, die sich an der Glut des Genius verbrannten und von der Nachwelt dafür gefeiert werden. Die bekannteste von ihnen ist die Elsässerin Friederike Brion: Einmal vom jungen Goethe geliebt, besungen und sitzengelassen, fühlte sie sich so zum Göttlichen erhoben, so gebenedeit unter den Weibern, dass sie niemals wieder in die Niederungen des gewöhnlichen Lebens herabsteigen mochte. Sie blieb unverheiratet, als hätte die Mission ihres Daseins sich darin erschöpft, als liebreizende Stofflieferantin für die „Sesenheimer Lieder“ zu fungieren. Gabriele Bondy nennt sie ein „Goethe-Opfer“; doch wo sich ein Opfer so stolz und so aktiv bereitwillig darbringt, ist es eigentlich keines mehr.
Schon gar nicht trifft die Bezeichnung Opfer auf Ulrike von Levetzow zu. Auf den ersten Blick ist sie eher ein aufmüpfiger Gegenpol zu Friederike Brion als deren Leidensgenossin. Hat sie nicht ihre Vorgängerin, die höchstes Glück darin gesehen hätte, von Goethe geehelicht zu werden, in gewisser Weise gerächt, als sie ebendieses Glück von sich wies? Erscheint es nicht wie eine gerechte Strafe, dass der notorisch ehescheue Goethe, der selbst Christiane Vulpius nur aus einer momentanen Dankbarkeit heraus mit seinem Jawort beschenkt hat wie mit einem Orden, just in dem Moment einen Korb bekommt, als er erstmals von sich aus die Heirat begehrt? Ulrike hat sich, instinktiv oder bewusst, der süßlichen Hauptrolle verweigert, die im Weihespiel der Goetheverehrung für sie vorgesehen war. Sie hat den Göttergleichen blamiert und seine Legende ad absurdum geführt.
So scheint es. Doch Legenden sind höchst biegsam und manipulierbar; sie sind imstande, noch die bockigsten Rebellen für ihre Zwecke einzuspannen. Die Welt hat es geschafft, auch aus Ulrike von Levetzow eine Goethe-Geliebte zu machen. Deshalb trägt die Terrasse in Loket/Ellbogen, wo Goethe in Gesellschaft der Levetzows seinen 74. Geburtstag beging, heute den Namen „Goethe-Aussicht“; von dem Bild, das sie ziert, war bereits die Rede. Noch übler sieht es in Marienbad aus: Der Weg, auf dem der Dichter einst mit dem jungen Mädchen spazieren ging, heißt mittlerweile „Goethe-Wanderweg“, und dort kann man eine Doppelskulptur, ein regelrechtes kleines Denkmal des ungleichen Paares bewundern: Goethe in der Pose des weisen Lehrers, die Blicke aufwärts zur Unendlichkeit erhoben und in den Händen einen Packen Papier, vermutlich eigene Werke, die er der bedauernswerten Ulrike vorliest, während sie, ganz artige Schülerin, mit züchtig niedergeschlagenem Blick und eng um den Körper geschlungenen Armen die Früchte seines Geistes empfängt. Die beiden wirken wie Faust und Gretchen. So kann man auch einen abgewiesenen Heiratsantrag zur tragischen Liebesgeschichte verklären.
Ulrike soll sich immer sehr geärgert haben, wenn man sie verdächtigte, ein Verhältnis mit Goethe gehabt zu haben. „Keine Liebschaft war es nicht“, hat sie in ihrem altmodischen Deutsch erklärt – wobei das, was für unsere Ohren zweideutig klingt, einfach eine doppelte Verneinung darstellt, wie sie damals zur Bekräftigung einer Aussage gebräuchlich war. Doch so absurd auch die Annahme ist, sie hätte sich lebenslang nach Goethe verzehrt, ihr Prominentenstatus als „Goethes letzte Liebe“ kann sie nicht gleichgültig gelassen haben. Ihr muss schon früh bewusst gewesen sein, dass die Augen der literarischen Welt auf ihr ruhten, dass das Schicksal sie als Frau erhoben und ausgezeichnet hatte, und wenn das auch gewiss ihr Stolz war, so war es doch gleichzeitig eine Last, eine beständige Verantwortung, die ihre Lebensentscheidungen lenkte. Gut möglich, dass ihr ebendies die Partnerwahl erschwert hat. Bei jedem Mann, der sich für sie interessierte, muss ihr dieser Faktor, diese Grund-Tatsache ihres Lebens im Hinterkopf gelegen haben – einerseits im Sinne der Verunsicherung: Meint dieser Mann wirklich mich oder will er im Triumph Goethes letzte Liebe heimführen? Andererseits wäre auch ein gewisser kultureller Standesdünkel gerade bei Ulrike sehr wohl denkbar: Muss ich, die ich einen Goethe abwies, mich wirklich mit diesem Herrn X begnügen? Sie wäre nicht die Erste, die durch frühe Prominenz für immer ihre Unbefangenheit, ihre Normalität im Umgang mit anderen Menschen eingebüßt hat.
Das soll nicht heißen, dass Ulrike doch ein Goethe-Opfer war. Auch sie hat, wie Friederike Brion, ihr Schicksal selbst gewählt und gestaltet. Doch die beiden Damen gleichen einander mehr, als man denken sollte. „Ein Strahl der Dichtersonne fiel auf sie, so reich, dass er Unsterblichkeit ihr lieh!“[5], so lautet der gemütvolle Spruch auf dem Grabstein der Friederike Brion. Er könnte Wort für Wort auch in der kleinen Grabkapelle von Třebívlice stehen. Der Strahl der Dichtersonne hat beide Frauen, Friederike und Ulrike, aus dem Dunkel der Anonymität erhoben – und gleichzeitig zu lebenslanger Einsamkeit verdammt.
[1] Thomas Mann, Goethe und Tolstoi (1923)
[2] Ulrike von Levetzow, autobiographischer Bericht, zitiert nach: Dagmar von Gersdorff, Goethes späte Liebe (2005)
[3] Ebenda.
[4] Amélie Sztatecsny, Geehrter Herr Geheimer Rat, Die Presse, 04.07.2008, hier online.
[5] Ludwig Eckardt (1866)

Tanja Stern, geboren 1952 in Ostberlin, Studium der Theaterwissenschaft, danach Jobs als Redakteurin, Buchhändlerin und Sekretärin, 1985 literarisches Debüt, heute freie Autorin in Wildau bei Berlin mit Schwerpunkt DDR- und Kommunismusgeschichte.
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