Im Sommer 1823 will der 74-jährige Goethe noch einmal den Sprung in die Ehe wagen - mit der neunzehnjährigen Ulrike von Levetzow. Doch die designierte Braut spielt nicht mit.

Hinter dem Gasthaus „Zum weißen Ross“ (heute „Bílý kůň“) in Loket nahe Karlsbad/Tschechien befindet sich eine große Terrasse, in den Reiseführern „Goethe-Aussicht“ oder „Goetheblick“ genannt. Dort hängt ein mittelgroßes Gemälde, das den kulturhistorisch bedeutsamsten Moment in der Geschichte des Gasthauses festhält: den 28. August 1823, an dem Johann Wolfgang von Goethe ebendort im Rahmen eines Ausflugs seinen 74. Geburtstag beging. Die Bildunterschrift lautet wie folgt: Goethe in Gesellschaft von Frau von Levetzow und ihren Töchtern Ulrike, Amalie, Berta am 28. August 1823 (74. Geburtstag) im Gartenhause des Gasthofs zum „weissen Ross“ in Elbogen.

Das Bild ist laienhaft, doch nicht ohne Einfühlung gemalt. Im Mittelpunkt steht die Gestalt des alten Goethe, gut getroffen in seiner eitlen Dichterfürsten-Pose. Er streckt huldvoll einer Levetzow-Tochter die Hand hin; das wird Ulrike sein, doch ihr Gesicht ist nicht zu sehen, und ihre Haltung drückt Befangenheit aus. Auch die Schwestern stehen gesichtslos abgewandt, als hätten sie kein sonderliches Interesse an dem alten Herrn. Klar porträtiert ist indes die Mutter, Amalie von Levetzow, die aus dem Hintergrund heraus voll mütterlichen Argwohns oder weiblicher Eifersucht konstatiert, dass Goethe nur Augen für Ulrike hat. Die Details strahlen Alltagsidylle aus: eine festlich gedeckte Kaffeetafel, zwei anonyme Herren in angeregtem Gespräch, ein umherspringendes Hündchen und rings der weite Ausblick von der Terrasse des Gasthauses auf die spätsommerliche böhmische Landschaft, die der Ausflugsgesellschaft den Rahmen gibt.

Was hier illustriert wird, ist ein kurzes, aber Aufsehen erregendes Kapitel aus dem ersprießlichen und immer wieder gern gelesenen Band „Goethe und die Frauen“: die späte Liebe des Greises zu einem jungen Mädchen, der das Happy End versagt bleibt. Die Reaktionen der Nachwelt schwanken zwischen „höchst ergreifend“ und „höchst blamabel“. Am schönsten drückt es wieder mal Thomas Mann aus: Er spricht vom „grotesk erschütternden, großartig peinlichen Fall der kleinen Levetzow[1]. Und just bei diesem Geburtstagsausflug, so informiert uns eine Tafel neben dem besagten Gemälde, soll das Irrwitzige geschehen sein: Der 74jährige Dichterfürst trägt der 19jährigen Ulrike von Levetzow seine Hand an.

Genau genommen kann das so nicht stimmen. Goethe hat zwar mit Ulrike häufig unter vier Augen gesprochen, vielleicht auch während dieses Ausflugs nach Ellbogen, wie der Ort damals eingedeutscht hieß; doch seinen Heiratsantrag hat er ihrer Aussage zufolge nicht selbst vorgetragen, sondern vortragen lassen, erst durch Ulrikes Mutter, der er einen Brief schreibt, und als die Reaktion zögerlich bleibt, durch keinen Geringeren als den Großherzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach, seinen hohen Freund und Förderer in Weimar. Der spricht im Auftrag des Genius in Marienbad bei den Levetzows vor und trägt ihnen dessen Heiratswunsch an, wobei er es nicht versäumt, auf die materiellen und ideellen Vorteile der gewünschten Verbindung hinzuweisen: Ulrike werde „die erste Dame am Hof in Weimar“ sein, und ihren Eltern wolle man vor Ort ein eigenes Haus einrichten[2]. Sogar die Apanage, die Ulrike als frühe Witwe zu erwarten hätte, wird zwischen dem Dichter und seinem Brotgeber schon vorausschauend ausgehandelt: Nach Goethes Tod hätte man sie lebenslang mit hunderttausend Gulden pro Jahr versorgt.

Diese Details sind nicht gesichert, aber glaubhaft. Goethe meint es wirklich ernst – gerade der Hinweis auf die irdischen Glücksgüter, die Ulrike durch die Verbindung winken, ist dafür ein sonderbarer Beweis. Der Mann will seinen Dichterruhm mit einer hübschen jungen Frau an seiner Seite krönen, will die Blüte ihrer Jugend in seinen schimmelnden Lorbeerkranz verweben. Hätte Ulrike ihn erhört, so hätte er, der die Legende seines Lebens so effektiv zu vermarkten wusste wie kein anderer Autor vor oder nach ihm, der Goetheschen Erfolgsgeschichte noch ein spätes Kapitel hinzugefügt: den harmonischen Lebensabend an der Seite der lieblichsten Gestalt, die mit verehrungsvollem Aufblick jede Äußerung seines Geistes empfängt, die für ihn die Tropfen vom Arzneifläschchen abzählt und sich mit zärtlicher Besorgnis erkundigt, ob es ihm vom Fenster her auch nicht zieht.

Die Levetzows wagen es nicht, Seine Hoheit mit einem offenen Nein zu brüskieren. Sie hätten nicht nur die Person des Großherzogs und damit den mächtigen Weimarer Hof beleidigt, sondern auch die Majestät des allseits göttergleich verehrten Goethe. Frau von Levetzow erklärt diplomatisch, sie wolle ihrer Tochter die Entscheidung überlassen, und verschiebt dieselbe damit in nebulöse Ferne. Eine Ablehnung wird niemals direkt formuliert. Die Levetzows hüllen sich einfach in Schweigen, und irgendwann zieht Goethe aus diesem Schweigen die richtige Schlussfolgerung und schlägt sich den Heiratsplan aus dem Kopf.

Unklar ist, wie sich die beiden Familien zu diesem Heiratsplan verhielten. Haben sie ihn zu Fall gebracht? Goethes Sohn August und seine Frau Ottilie sollen Tobsuchts- beziehungsweise Ohnmachtsanfälle bekommen haben, als die Absicht des Alten ihnen zu Ohren kam. Besonders Ottilie, die ohnehin als überspannt und hysterisch galt, soll förmlich ausgerastet sein bei der Aussicht, das Goethesche Vermögen an eine junge Frau und womöglich gar an weitere Kinder zu verlieren. Ulrike selbst soll viel später geäußert haben, sie hätte Goethe vielleicht doch genommen, wenn seine Familie nicht gewesen wäre. Das aber darf bezweifelt werden. In dieser Familie hatte allein der Übervater Goethe das Sagen. Er hätte seinen Willen auch gegen schärfsten Widerstand durchgesetzt.

Von Ulrikes Familie weiß man noch weniger. Insbesondere zur Rolle der Mutter gibt es die verschiedensten Spekulationen. Amalie von Levetzow war einst eine gefeierte Schönheit gewesen, weit schöner anscheinend als Ulrike, soweit man das aus den erhaltenen Bildnissen ersehen kann. Fünfzehn Jahre zuvor war sie mit Goethe befreundet oder mehr als befreundet gewesen – auf jeden Fall wird sie zum Reigen der auserwählten Damen gezählt, die den Meister zu seinen Werken inspirierten: Das Pandora-Fragment, ein klassizistisches Festspiel aus dem Jahre 1807, soll eine Frucht ihrer Begegnung gewesen sein.

Im Sommer 1823 hat Goethe, in Marienbad kurend, die Bekanntschaft mit den Levetzows erneuert und vertieft; doch nicht Amalie ist die Hauptperson, sondern ihre heranblühende Tochter. Hat die Mutter das als Enttäuschung empfunden, als Erkenntnis ihres eigenen Verblühens und Welkens? Wäre sie selbst gern, jetzt oder früher, als Frau von Goethe nach Weimar gezogen? Und wie stand sie zu der Aussicht, Goethes Schwiegermutter zu werden? Hat sie Ulrike bearbeitet, damit sie ja sagt, wie viele Quellen mit Bestimmtheit verkünden, um ihre eigenen Träume in der Tochter ausgelebt zu sehen, zumal ja  Goethe in mehr als einer Hinsicht eine höchst attraktive Partie war? Oder wollte sie im Gegenteil die Heirat hintertreiben, die ihre Niederlage in der Liebe und ihren Status als alte Frau besiegelt hätte?

Alles möglich; doch am wahrscheinlichsten ist die schlichte Annahme, dass sie Ulrikes Wohl im Auge hatte und tatsächlich nicht gesonnen war, an deren Stelle eine Entscheidung von solcher Tragweite zu fällen. Die Familie mag Bedenken bezüglich des Altersunterschieds gehegt haben, doch wäre Ulrike bereit gewesen, sich über diesen hinwegzusetzen, so hätte man die Heirat akzeptiert, ja begrüßt. Ulrike war es, die Nein gesagt hat – das geht als Quintessenz aus allen Berichten mehr oder weniger deutlich hervor. 

Aber warum? Ja, wäre Goethe ein gewöhnlicher Greis gewesen, ein Bäckermeister oder pensionierter Beamter, dann würde sich diese Frage nicht stellen. Gewiss kann ein Mann auch jenseits der 70 noch einmal für Jugend und Schönheit entflammen, doch er wird das in der Regel tief in sich verbergen und nicht den Wunsch laut werden lassen, diese Jugend und Schönheit sein Eigen zu nennen. Tut er es doch, ist ihm der Korb so sicher wie der Hohn und Spott seiner Mitmenschen; die Komödien der Welt sind voll davon. Auch würde sich ein wahrhaft Liebender vielleicht darüber Gedanken machen, was er einem Mädchen antut, wenn er es zum Bettwärmer eines mehr als fünfzig Jahre älteren Mannes degradiert. Er würde sich vor ihr genieren für seine Zipperlein, für seine falschen Zähne, für die Kluft zwischen seiner und ihrer Welt.

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