Antonina aber stellt ihm noch lange nach, stets auf Versöhnung und Fortsetzung der Ehe hoffend. Besonders gern nutzt sie dabei das Medium, das ihr einst zum Coup ihres Lebens verhalf: Sie schreibt Tschaikowski lange wirre Briefe, reich an Beschwörungen und dramatischen Floskeln. Es heißt, ein Brief von ihr hätte genügt, um ihn auf Tage zu vergrämen. Einmal gibt er seinem Freund Kaschkin einen zu lesen: „Nun sag mir um alles in der Welt, wovon ist in diesem Brief die Rede?“[10] Kaschkin kann nur die Achseln zucken.
Aber zuweilen steht doch etwas drin, was Tschaikowski besser ernst nehmen sollte. So wirft sie ihm in einem ihrer Briefe vor, er hätte böse Gerüchte über sie verbreitet, und fährt dann unzweideutig fort: „Warum hast du nicht bei dir selbst angefangen und … von deinem eigenen schrecklichen Laster erzählt?“[11]
Als sie das schreibt, ist Antonina zum ersten Mal schwanger. Man weiß nicht viel über ihr Schicksal nach der Trennung von Tschaikowski, doch fest steht, dass sie, während sie ihm unaufhörlich ihre Liebe beteuert, nicht wie eine Nonne lebt. Möglicherweise hat auch ihre zunehmende psychische Erkrankung sie den herkömmlichen Normen entrückt und zur leichten sexuellen Beute gemacht. Insgesamt drei Kinder bringt sie in den folgenden Jahren zur Welt. Die armen Geschöpfe, Abfallprodukte eines entgleisten, verwahrlosten Lebens, landen alle drei im Findelhaus und wachsen als Vollwaisen auf. Kein Forscher hat ihrem Verbleib je nachgespürt. Wozu auch? Sie haben keinen prominenten Vater und vermutlich keine guten Gene.
Jetzt könnte Tschaikowski die Scheidung erzwingen, denn Antoninas Ehebruch ist offensichtlich. Doch genauso offensichtlich ist auch die Gefahr, dass ein Scheidungsprozess Aufsehen erregen und schmutzige Details ans Licht bringen könnte. Tschaikowski ist mittlerweile weltberühmt und kann keinen Skandal gebrauchen. Er hält also weiter den Mund, zahlt dem „Reptil“ weiter Unterhalt – oder „Schweigegeld“, wie manche Biographen meinen – und quält sich weiter mit der Last seiner Ehe. Bis zuletzt erträgt er sie wie eine Geißel, die er sich schuldhaft aufgebürdet hat. „Meine Frau … trifft keine Schuld“, schreibt er an Nadeshda von Meck. „Die ganze Schuld liegt in meinem fehlerhaften Charakter, meiner Schwäche, meinem Ungeschick, meiner Infantilität![12]“
Nadeshda von Meck dagegen sieht Tschaikowskis Ehe ganz aus der Perspektive der Liebenden: „Ich habe Ihre Frau von Anfang an gehasst, weil sie nichts zu Ihrem Glück beigetragen hat“, resümiert sie. „Doch ich hätte sie noch tausend Mal mehr gehasst, wenn sie Ihnen Glück gebracht hätte.[13]“ Was für eine kluge, aufrichtige Frau! Und was für ein Jammer, dass Tschaikowski nicht imstande war, mit ihr zu leben! Sie wäre seine Tatjana gewesen.
1893 stirbt Tschaikowski unter mysteriösen Umständen; er ist erst 53 Jahre alt. Im Zuge der zahlreichen ehrenden Nachrufe erinnert sich irgendein Verleger, dass Tschaikowski einmal verheiratet war, und bittet die Witwe um ihre Memoiren. Nun schlägt Antoninas große Stunde. Sie verfasst einen idyllischen Nachruf auf den Mann, der sich nicht mehr wehren kann. Er war ja so lieb und so gut, ihr Petja! Einen Gutteil ihrer Ausführungen nehmen rührende Episoden ein, die von der Güte und Hilfsbereitschaft des Dahingeschiedenen künden. Doch wir erfahren auch die Geschichte der Ehe aus Antoninas Perspektive: Vier Jahre lang liebten sich die beiden heimlich und wechselten nur schmachtende Blicke, dann ergriff Antonina die Initiative, denn: „Mir war sehr wohl bewusst, dass ich ihm gefiel, aber er war schüchtern und hätte mir nie einen Antrag gemacht.“
Im Rausch der zärtlichen Gefühle für sie schrieb Tschaikowski seine Onegin-Oper: „Sie ist deshalb schön, weil sie unter dem Eindruck der Liebe komponiert wurde, denn sie handelt direkt von uns beiden. Onegin, das war er selbst, ich die Tatjana.“
Dann kam die Wonne der Verlobung: Tschaikowski „drehte sich auf eine ganz besonders charmante und elegante Art zu mir um, streckte mir beide Arme entgegen und rief: Na, und nun?... Ich flog ihm sofort an den Hals. Diesen Kuss werde ich nie vergessen können.“
Nun muss sie aber auch erklären, warum die so stürmisch angebahnte Ehe doch nicht ganz bis zur Goldenen Hochzeit hielt. Dafür gab es überaus ernste Gründe: „Ich machte damals eine höchst lächerliche Figur! Aus irgendeinem Grunde hatte ich mir eingebildet, je mehr ich mich aufputze, umso mehr gefalle ich ihm. Das sollte sich als fataler Irrtum erweisen. Tschaikowski mochte es eher, wenn Damen einfach und dunkel gekleidet waren.“
Alles klar, das konnte nicht gutgehen. Und dann waren da noch Tschaikowskis intrigante Freunde: „Die ständigen Einflüsterungen, durch das Familienleben würde sein Talent ruiniert, brachten uns schließlich auseinander. [14]“
Nur gut, dass Tschaikowski diese „Memoiren“ nicht mehr lesen musste. Welche Schmach, welch ein Hohn wären sie für ihn gewesen. Wie heißt es so schön bei Milan Kundera: „Noch bevor man uns vergessen wird, werden wir in Kitsch verwandelt.[15]“ Bei Tschaikowski ist es Hetero-Kitsch; die Verwandlung hält in Russland bis heute an.
Die Publikation dieses Nachrufs ist Antoninas erster und letzter öffentlicher Auftritt als Tschaikowskis Witwe. Danach verschwindet sie endgültig in der Versenkung. Obwohl ihr Text, einmal abgesehen von den inhaltlichen Aussagen, durchaus gefällig und herzig daherkommt, scheint sie persönlich als Künstlerwitwe schon nicht mehr präsentabel gewesen zu sein. Zusehends versinkt sie in ihrer Wahnwelt und wird 1897 in eine Irrenanstalt eingewiesen, wo sie die letzten zwanzig Jahre ihres Lebens verbringt. Sie stirbt 68jährig in Russlands Schicksalsjahr 1917.
Das sonderbare Ehedrama der Tschaikowskis wird von der Nachwelt viel besprochen, wobei es, in Abhängigkeit von der jeweiligen Weltsicht oder Ideologie des Betrachters, die verschiedensten Interpretationen gibt. Da ist die Männer-Variante: Der arme Tschaikowski, hat sich reinlegen lassen von einer strunzdummen, knallverrückten Frau, die seiner völlig unwürdig war, und musste dann sein Leben lang materiell und seelisch dafür bluten! Da ist die Frauen-Variante: Was für ein Dreckschwein, dieser Tschaikowski, benutzt eine nichtsahnende Frau, um seine Homosexualität zu kaschieren, und treibt die Ärmste in den Wahnsinn! Und da ist die spezielle Homo-Variante: Wie furchtbar mussten schwule Männer in diesen homophoben Zeiten leiden, zu welchen seelischen Verrenkungen und Verirrungen waren sie gezwungen!
Letzteres ist natürlich unbestreitbar. Doch was die Schuldfrage betrifft, so ist auf keiner Seite eine Schuld im Sinne einer böswilligenTäuschung zu erkennen. Tschaikowski hat sich fraglos wie ein Narr verhalten, als er sein persönliches Ehe-Traumbild in eine Unbekannte hineinprojizierte. Und trotzdem wirkt es kindlich anrührend, wie er die schönen Lehren der Literatur naiv beim Wort nimmt und eins zu eins auf das richtige Leben überträgt. Zumindest der Literaturfreund wird ihn deshalb nicht verurteilen und seine Strafe als unverdient hart empfinden.
Und Antonina? Ihre Liebe zu Tschaikowski war sicherlich echt, auch wenn sie in verkitschter Form zum Ausdruck kam. Und für ihre Dummheit kann sie nichts. Auch sie ist einer Illusion erlegen, und auch sie hat ihren Teil an den Leiden gehabt, die die verfehlte Ehe mit sich brachte. Und trotzdem – geht sie nicht als absolute Gewinnerin aus der Geschichte hervor? Das ist ein Aspekt, der in dieser Ehe die Schuldfrage weit überwiegt. In den Künstlerbiographien der Welt wird man so leicht niemanden finden, der bei so geringen Eigenverdiensten so viel Erfolg im Leben hatte wie Antonina Tschaikowskaja. Sie ist nicht klug. Sie ist nicht reich. Sie ist nicht mehr ganz jung, nur mäßig hübsch, bar jeder weiblichen Eleganz und Raffinesse. Sie ist ein langweiliges Plappermaul, das nur Banalitäten von sich gibt, und sie ist, vorsichtig gesagt, etwas überspannt. Nach den Regeln der Wahrscheinlichkeit hätte sie nicht nur keine Chance gehabt, einen bedeutenden Künstler zu heiraten, sie hätte nicht mal eine Chance gehabt, sich überhaupt noch zu verheiraten. Sie hätte sich mit beschränkten Mitteln allein durchs Leben bringen müssen, bestenfalls als Näherin und schlimmstenfalls als Prostituierte. Und dann geht diese Frau aufs Konservatorium, eine untalentierte mausgraue Gestalt, an die sich später kaum jemand erinnert – und angelt sich einen Tschaikowski! Sie schreibt einen Brief und bringt damit einen der größten Musiker Russlands dazu, sie vor den Traualtar zu führen! Ein Lottosechser erscheint dagegen als alltägliches Ereignis.
Auf einem anderen Blatt steht, dass Antonina mit dem Lottosechser, der ihr durch eine irrwitzige Verkettung von Umständen in den Schoß fiel, nichts anfangen konnte und ihn wieder verlor. Doch selbst nachdem der „worst case“ eingetreten war, die pure Ehekatastrophe, blieb der Frau doch lebenslang das Kapital, das ihr die Heirat eingetragen hatte: Tschaikowskis Name, Tschaikowskis Geld, Tschaikowskis Ruhm, der auf ihre Person abfärbte und sie vor dem Vergessen bewahrte. Heute gehört sie so selbstverständlich zu Tschaikowskis Biographie, als hätte sie tatsächlich mit ihm gelebt; und das dürfte, jedenfalls aus ihrer eigenen Sicht, weit schwerer wiegen als die Enttäuschungen und Schmerzen, die ihr die Ehe bereitet hat.
[1] Zitiert nach: Oskar von Riesemann-München, Ein neuer Betrag zur Biographie P. I. Tschaikowskis, Die Musik XVII/1, Ausgabe Oktober 1924, S. 35, hier online (i. F. Riesemann).
[2] Riesemann, S. 36.
[3] Riesemann, S. 36.
[4] Pjotr Tschaikowski/Nadeshda von Meck: Briefwechsel, Band I und II, Schott 2020 (i. F. Briefwechsel Meck).
[5] Riesemann, S. 32.
[6] Antonina Tschaikowskaja: Sich selbst nannte er „eine Mischung aus Kind und Greis“, Tschaikowski-Gesellschaft, Mitteilungen 1/1994, hier online.
[7] Briefwechsel Meck.
[8] Riesemann, S. 39.
[9] Tschaikowskis Frau (Shena Tschaikowskowo), Spielfilm, Russland 2022, Regie: Kirill Serebrjannikow.
[10] Riesemann, S. 34.
[11] Zitiert nach: Anthony Holden, Tchaikovsky, Bantam Press, 1995.
[12] Briefwechsel Meck.
[13] Briefwechsel Meck.
[14] Alle Zitate der letzten Absätze aus: Antonina Tschaikowskaja, Sich selbst nannte er „eine Mischung aus Kind und Greis“, Tschaikowski-Gesellschaft, Mitteilungen 1/1994.
[15] Milan Kundera, Die unerträgliche Leichtigkeit der Seins, Gallimard 1984.
Tanja Stern, geboren 1952 in Ostberlin, Studium der Theaterwissenschaft, danach Jobs als Redakteurin, Buchhändlerin und Sekretärin, 1985 literarisches Debüt, heute freie Autorin in Wildau bei Berlin mit Schwerpunkt DDR- und Kommunismusgeschichte.
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