Im Juli 1877 heiratet der bekannte Komponist Pjotr Tschaikowski eine Frau, die weder schön noch reich noch klug ist und die für seine Sphäre, die Musik, nicht das geringste Verständnis hat. Ihre einzige Empfehlung ist ein Brief, den sie ihm schrieb.
Im Frühjahr 1877 erhält der Komponist Pjotr Iljitsch Tschaikowski, 37 Jahre alt und aufgehender Stern am musikalischen Himmel Russlands, einen euphorischen Liebesbrief von einer ihm völlig unbekannten Dame. Sie behauptet, sie sei ihm als Klavierschülerin am Moskauer Konservatorium und auch in Gesellschaft mehrmals begegnet – woran Tschaikowski keinerlei Erinnerung hat –, und seither schlage ihr Herz nur noch für ihn. Sie legt ihm ihre Liebe zu Füßen, erklärt, sie könne ohne ihn nicht mehr leben, fleht ihn an, sich mit ihr zu treffen, droht mit Selbstmord, falls er sie zurückweisen sollte…
Was tut ein Mann, der solch einen Brief empfängt? Wirft er ihn kopfschüttelnd in den Papierkorb? Schreibt er zartfühlend ein paar tröstliche Zeilen zurück? Nein, Tschaikowski reagiert, wie niemand es erwartet hätte: Er heiratet die Briefschreiberin.
Der Zufall will es, dass er just um diese Zeit mit der Komposition der Oper „Eugen Onegin“ beschäftigt ist, einer Vertonung des gleichnamigen Poems von Alexander Puschkin. Sie wird seine erfolgreichste Oper; gerade in jüngster Zeit ist sie sehr präsent auf den Opernspielplänen der Welt. Im Mittelpunkt steht ein junges Landmädchen namens Tatjana, das sich in ihren Nachbarn verliebt, eben den Titelhelden Eugen Onegin. Der Mann ist weitgereist und welterfahren, was die zurückgezogen in ihren Büchern lebende Tatjana magisch anzieht. Sie nimmt all ihren Mut zusammen und schreibt ihm einen flammenden Brief, in dem sie ihr ganzes Herz vor ihm bloßstellt. Doch Onegin, der das Mädchen kaum kennt und dem der Sinn nicht nach Bindung steht, weist ihre Liebe kühl zurück.
Sowohl Puschkin als auch Tschaikowski lieben die Figur der Tatjana über alles, lieben sie vor allem um des Mutes Willen, mit dem sie, gegen die herkömmliche Sitte, ihre Liebe offen vor dem Mann bekennt. Die „Briefszene der Tatjana“ ist das Herzstück von Tschaikowskis Oper und ein Kleinod der russischen Romantik. Ein Mann, der einen solchen Brief erhält, hat sich gefälligst glücklich zu preisen, hat sich dankbar zurückzuverlieben und das wunderbare Geschöpf, das ihn solch reiner Liebe würdigt, auf der Stelle zu ehelichen. Indem Onegin Tatjana abweist, handelt er als „kaltherziger, ja herzloser Geck“[1] – so soll es Tschaikowski formuliert haben – und begeht einen schweren Fehler, für den er furchtbar büßen muss. Das Argument, dass Onegin das Mädchen nun einmal nicht liebt und dass er im Grunde schlicht vernünftig auf ihren Liebesantrag reagiert, vernünftiger zumindest, als es die Ehe mit einer ungeliebten und nur flüchtig bekannten Frau gewesen wäre, lassen weder Puschkin noch Tschaikowski gelten. Beide sehen in Onegin einen hochmütigen Dummkopf, der leichtfertig die Perle seines Lebensglücks wegwirft, und so sehen ihn meist auch die Regisseure, die die Oper heute in Szene setzen.
Tschaikowski aber wird am eigenen Leibe erfahren, dass das richtige Leben anders spielt als die Kunst – dass nicht jede Frau, die einen Liebesbrief schreibt, eine Tatjana-Perle ist und dass ein Mann durch den Vollzug einer Heirat genauso unglücklich werden kann wie durch die Verweigerung derselben. Er sieht in dem Liebesbrief der Unbekannten einen Fingerzeig des Schicksals, sieht in ihr seine persönliche Tatjana, und er will ihr ein besserer Onegin sein. Schon immer hat er sich, selbst in einem fürsorglichen Elternhaus mit vielen Geschwistern aufgewachsen, eine eigene Familie gewünscht. Doch sein Liebesleben steht dem entgegen: Er ist ausgeprägt homosexuell veranlagt – verlieben kann er sich nur in Männer. Auch in diesem Jahr 1877, das als „Krisenjahr“ in seine Biographie eingehen wird, ist er mit einem Mann zusammen, dem Violinisten Iossif Kotek.
Dennoch gibt es seit Kurzem eine Frau in seinem Leben: Nadeshda von Meck, eine reiche Witwe, die Tschaikowski als Musiker und auch als Menschen glühend verehrt und einen intensiven, rückhaltlos vertrauten Briefwechsel mit ihm führt. Sie hätte ihn sicher gern geheiratet – die beiden wären ein künstlerisches Traumpaar gewesen. Doch der Widerspruch zwischen der seelischen Nähe, die zwischen ihm und Nadeshda besteht, und dem körperlichen Widerstreben, das er ihrer Weiblichkeit notwendigerweise entgegenbringen muss, irritiert Tschaikowski in solchem Maße, dass er den Kontakt mit ihr auf das platonisch Schriftliche beschränkt und jede persönliche Begegnung ablehnt. In dieser Lage muss ihm die Ehe mit einer quasi neutralen Person, die zwar äußerlich die Rolle der Hausfrau und auch der Dame des Hauses spielt, doch weder körperlich noch seelisch Ansprüche an ihn zu stellen hat, als brauchbare Lösung erschienen sein.
Man kann das auch unfreundlicher formulieren: In vielen biographischen Berichten heißt es, Tschaikowski hätte eine „Alibifrau“ gesucht, um vor der Welt ein normales Leben zu führen und seine wahren Neigungen zu kaschieren. Das könnte man ihm nicht verdenken: Homosexualität galt damals als ein schmuddeliges und strafbares Laster, das jeden, der es offen praktizierte, aus der „anständigen“ Gesellschaft ausschied. Gerade die traditionell besonders homophoben Russen haben bis heute ein Problem damit, dass ausgerechnet ihr vergötterter Tschaikowski, Repräsentant der russischen Seele und Aushängeschild der russischen Kultur, derart perverse Schweinereien trieb, während er seine lieblichen Ballette komponierte. In den meisten russischen Biographien wird dieser Punkt auch nicht oder nur in verblümten Andeutungen erwähnt. Sämtliche Briefe, in denen Tschaikowski etwas über sein Liebesleben verrät – immerhin 247 an der Zahl –, standen staatlicherseits Jahrzehnte unter Verschluss; erst in den 1990er Jahren wurde ihre Freigabe erkämpft.
Trotzdem scheint der Alibigedanke nicht Ausschlag gebend gewesen zu sein. Tschaikowski leidet zwar an seiner Homosexualität, wie man an einer unheilbaren Krankheit leidet; doch er hat sich längst damit abgefunden, dass er nun einmal lebenslang mit dieser Bürde geschlagen ist, und kann im Alltag recht gut damit umgehen. Ihm schwebt vor, eine Ehe zu führen, die sein Triebleben gar nicht tangiert. Mehrmals sagt er zu seinen Freunden, er wünsche sich als Ehefrau eine ältere weibliche Person, die „mit den nötigen Eigenschaften ausgestattet wäre, um ein guter Freund und ein getreuer Lebenskamerad zu sein[2]“. Es klingt, als suche er eine Njanja, wie er als Junge eine hatte – die Französin Fanny Dürwald, die eine wichtige Begleiterin seiner frühen Jahre gewesen ist –, ein liebes Neutrum, das ihn bekocht und verwöhnt, das ihn pflegt, wenn er krank ist, und das ihn tröstet, wenn das Leben ihm ein Leid zufügt.
Mit dieser Intention sucht er entschlossen die Absenderin des Liebesbriefes auf und leitet die persönliche Bekanntschaft ein. Er erklärt ihr, dass er ihre Liebe nicht erwidere und auch niemals erwidern werde. Doch wenn sie zu einem Zusammenleben auf der Basis geschwisterlicher Sympathie und Kameradschaft bereit sei, wolle er sie heiraten und mit ihr leben. Und sie sagt ohne Zögern ja.
Die Frau, an die sich Tschaikowski damit bindet, macht bei erster Bekanntschaft keinen schlechten Eindruck. Sie heißt Antonina Iwanowna Miljukowa, arbeitet als Näherin und bewohnt ein Zimmer zur Untermiete. Sie ist 28 Jahre alt, also nach den damaligen Begriffen schon ein überreifes Mädchen auf dem Heiratsmarkt. Tschaikowski stört das nicht im Geringsten; für sein Konzept von der Njanja-Ehe ist sie eher zu jung als zu alt. Sie kann auch gerade noch als hübsch durchgehen und recht flüssige Briefe schreiben. Was das Mündliche betrifft, so scheint sie bei den ersten Treffen mit Tschaikowski klugerweise gar nicht viel gesprochen zu haben. Wahrscheinlich ist sie völlig perplex, als der Halbgott ihrer Träume, der Star des Moskauer Konservatoriums, der große Musiker Pjotr Tschaikowski leibhaftig in ihr schäbiges Zimmer tritt und ihr allen Ernstes die Ehe anträgt. Er muss ihr erschienen sein wie der Zarewitsch im russischen Märchen, der die arme Wassilissa zum Thron führen will.
Tschaikowski wünscht die Verlobung streng geheim zu halten. Schon einmal haben ihm seine klugen, wohlmeinenden Freunde einen Heiratsplan wieder ausgeredet; damals betraf er die französische Sängerin Désirée Artot. Diesmal will er unbedingt durchziehen, was er sich vorgenommen hat, obwohl oder weil er den Wahnwitz seines Unterfangens zuinnerst wohl schon ahnt. Er schärft auch Antonina ein, vorläufig mit keinem Menschen über die bevorstehende Hochzeit zu sprechen. Und sie geht willig auf alles ein, immer in Angst, ihr Zarewitsch könnte sonst entschwinden wie eine holde Vision. Später vermerkt Tschaikowski unter den Gründen, die ihn zu der Heirat bewogen haben, an vorderer Stelle Antoninas „Bereitschaft, alles, was ich wünschte, für mich zu tun[3]“.
Am 18. Juli 1877 findet im kleinsten Kreis die Hochzeit mit anschließendem Essen statt. Die Neuvermählten lassen sich sogar in einem damals sehr angesagten Moskauer Fotoatelier porträtieren. Es ist die einzige Aufnahme des Paares, und sie gehört zu den Bildern, von denen es heißt, sie sagten mehr als tausend Worte. So fremd, so isoliert haben selten junge Eheleute aneinander vorbeigeblickt. „Kaum war die Trauung vollzogen“, schreibt Tschaikowski später an Nadeshda von Meck, „kaum war ich mit meiner Frau allein geblieben und kaum hatte ich erkannt, dass uns das Schicksal untrennbar verbunden hatte, da begriff ich plötzlich, dass ich nicht einmal Freundschaft, sondern im wahrsten Sinne des Wortes Widerwillen gegen sie empfand.[4]“
Tanja Stern, geboren 1952 in Ostberlin, Studium der Theaterwissenschaft, danach Jobs als Redakteurin, Buchhändlerin und Sekretärin, 1985 literarisches Debüt, heute freie Autorin in Wildau bei Berlin mit Schwerpunkt DDR- und Kommunismusgeschichte.
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